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Daniel Kehlmann ist ein Arschloch

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Daniel Kehlmann ist ein Arschloch | story.one

Ich bin krank zuhause und lese. "Ruhm" von Daniel Kehlmann. Ein -meiner Meinung nach- völlig zu Recht gehypter Autor.

Ich komme zum Abschnitt "Rosalie geht sterben" er beschreibt darin eine alte Frau, die sich auf den Weg in ein Zentrum für Sterbehilfe in der Schweiz macht. Es ist großartig geschrieben, die Skurrilität der Administration der Anreise, die Banalität mancher Entscheidungen die angesichts eines solchen Schrittes getroffen werden, getroffen werden müssen. Ich hänge an den Zeilen. Mein Puls beschleunigt sich.

Ich weiß genau warum mich diese Geschichte so packt, dennoch fiebere ich mit Rosalies beschwerlicher Reise in den Tod mit. Ich bin gespannt mit welcher Finesse Kehlmann noch Szenen einarbeiten wird, die diese Geschichte noch erlebbarer, authentischer und tragischer machen.

In vielen Einblendungen beschreibt der Autor sein Dilemma, dass er die wunderbare Figur der Rosalie nicht sterben lassen will. Sie ist ihm ans Herz gewachsen aber der Plot ist unausweichlich. Rosalies Tod ist mit der Überschrift bereits besiegelt. Kehlmann leidet, er beschreibt seine panische Suche nach einem Ausweg, die Protagonisten nicht sterben zu lassen ohne die Geschichte zu zerstören. Springend zwischen den Sequenzen, man hat Mitleid mit dem Autor, trotzdem ist jedes Wort der Rosalie-Geschichte so unfassbar real, dass man sich gierig und widerwillig zugleich Absatz für Absatz auf das unausweichliche Finale hinarbeitet.

Achtung Spoileralarm: Es ist soweit, Rosalie soll sterben. Da betritt der Autor die Geschichte. Wie der Allmächtige höchstpersönlich spricht er ein Wort und Rosalie wird nicht nur gesund sondern auch gleich wieder jung. Sie verlässt das Sterbezentrum und lebt.

"ARSCHLOCH" entfleucht es mir halblaut. Ich habe noch nie erlebt, dass mich ein Text derart gepackt hat. Ich habe Zorn und unbändigen Hass auf Kehlmann. Er hat genau das getan, was ich so gerne können würde.

Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben ist schwer krank. Er überlegt, sollte es irgendwann einmal soweit sein, dass er es nicht mehr ertragen kann, auch in ein solches Zentrum zu fahren um seinem Leid ein Ende zu setzen. Ich habe Angst davor, dass dieser Tag irgendwann einmal kommt. Ich kann ihn verstehen -wirklich -trotzdem will alles in mir, das es niemals soweit kommt. Dennoch habe ich bereits vor längerer Zeit entschieden, dass ich ihn auf diesem Weg begleiten würde, wenn er sich jemals dafür entscheidet, nicht ohne ihm auf der Fahrt tausende Male zu versichern, dass er sich jederzeit wieder umentscheiden könne, wir wider zurückfahren würden damit er weiter überlegen kann. Aber ich würde das durchstehen um ihn zu begleiten.

Meine Wut auf Kehlmann ebbt nur sehr langsam ab. Er ist in einer Geschichte, ich bin im richtigen Leben. Mir bleibt nichts übrig als auf ein Wunder zu hoffen. Ein medizinisches, ein göttliches, irgendeines.

© Jakob Zitterbart 21.02.2020

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