Die Rocky Horror Apartment Show

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Die Rocky Horror Apartment Show | story.one

Es begab sich aber in jenen Tagen, dass ich nach London zog. Selbstverständlich muss man dann auch irgendwo wohnen. Die dazugehörige Wohnungssuche gestaltete sich, wie soll ich sagen, der Brexit ist ein Spaziergang dagegen.

Begleitet von einer absolut orientierungslosen Maklerin und ihrem Mini (sie kam wie fast alle im Dienstleistungssektor vom Kontinent und war im Linksverkehr eher nicht so versiert), machten wir uns auf die Suche. Bei meinem Budget, das ich an Londoner Verhältnisse angepasst hatte, erwartete ich ein nettes kleines Apartment.

Gezeigt wird mir jedoch ein Rattenloch im vierten Hinterhof der Seitengasse einer „very up and coming area“, vielleicht wirklich upcoming, wenn die Bewohner alle durch den Drogentod oder Bandenkriege dahingerafft sind, ist hier immerhin viel Bauland frei. Ein Kleinod mit fleckigen Spannteppichen und vergilbten Laura-Ashley-Tapeten. Ich vermute dahinter Schimmelkolonien.

Die Maklerin ist von all dem unbeeindruckt. Mit Inbrunst versucht sie mir diese zur Behausung gewordene Depression schmackhaft zu machen, jedenfalls bräuchte sie auch keine anderen Worte, um den Buckingham Palace treffend zu beschreiben.

Nächste Wohnung. Das WC dient als Freelectics-Workout-Studio: Es ist so klein, dass man hocken muss (sonst geht die Tür nicht zu, weil die Knie im Weg sind). Personen über 1,75m können auch die Hose komplett ausziehen und die Füße einfach links und rechts der Muschel platzieren, dann einfach laufen lassen. Eine komfortablere, aber zeitaufwendigere Methode, da man sich komplett entkleiden muss. Das Bad: Auf einem Quadratmeter haben sie Waschbecken und Dusche untergebracht. Die Brause ist an der Decke montiert, und um sie einzuschalten, muss man sich in der Dusche befinden. Bei alten Leitungen dauert es SEHR LANGE, bis auch nur lauwarmes Wasser kommt. Macht morgens ungemein wach, hebt aber nicht unbedingt die Stimmung. Man kann die Zeit aber nutzen, um die Schimmelgebilde an der Decke eingehend zu studieren.

Die „fully equipped kitchen“ besteht aus Wasserkocher, Toaster, zwei Gläsern, drei Gabeln und vier Messern. Dann gibt es noch drei Teller und ein Schneidbrett, das bereits endemische Flora und Fauna beherbergt.

Also auch das nicht so ganz. Ich weiß nicht, wie viele Wohnungen ich mir mit verschiedensten Maklern angesehen habe. Aber ich habe keine Skurrilität und kein Klischee ausgelassen. Vom geplatzten Besichtigungstermin, weil die Polizei gerade das Gebäude stürmte, über eine Wohnung direkt oberhalb eines Puffs. „No Sir, it is a MASSAGE Institute.“ Ja genau, mit verspiegelten Scheiben und einem blinkenden OPEN-Schild.

Das Ende meines ausgehandelten Hotelzimmerdeals nahte und ich war immer noch obdachlos, als ich mich mit einer neuen Bekannten in einer Bar traf und ihr mein Leid klagte. Sie lachte und meinte nur: „Welcome to London, Jakob, the desperation and exhaustion, THIS is what this city is all about. The rest is just a bonus.“

© Jakob Zitterbart 25.08.2019