Die Töchter der Vorstadtweiber

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Die Töchter der Vorstadtweiber | story.one

Ein Altweibersommerspätnachmittag. Ich gehe mit meiner Oma auf einen der letzten Eisbecher der Saison. Gelateria da Salvo in der Obkirchergasse in 1190 Dö-BLING-BLING.

Am Nebentisch sitzen drei unter zehnjährige Mädchen ohne Begleitung die einer lebhaften, lautstarken Unterhaltung frönen:

M1 Wo wart ihr im Urlaub?

M2 Wir waren in Afrika, aber es war nicht so toll. Die ganze Armut ist schon sehr deprimierend, wir sind dann nur mehr im Resort geblieben und die Mami hat mit ihrem Therapeuten geskyped

M3 Also WIR waren in MIAMI und es war ein Traum

M1 (das Alpha-Girl) Also WENN schon Amerika, dann MUSS man nach NYC (Enweisi). Alles Andere ist ja total überbewertet

M3 registriert den Angriff und kontert: Ich war schon mal in NYC ich meine JEDER war schon mal in NYC

M1, M2 und M3 sind sich einig, dass wirklich jeder Mensch auf diesem Planeten schon mal in New York gewesen sein muss.

Zwischen Haselnussbecher und Affogato haben Oma und ich die Unterhaltung eingestellt und tauschen verschwörerische Blicke. Die Konversation am Nebentisch ist einfach zu amüsant. Oma raunt mir zu "Ich hab mir einmal die Vorstadtweiber angeschaut und gedacht was für ein überzeichnter Blödsinn aber die gibts ja WIRKLICH! Und da sitzen ihre Töchter"

Als nächstes geht es um einen "urblöden" Lehrer aber der Papa von M2 hat der Schule bereits mit dem Anwalt gedroht.

Danach geht es um irgendwelche Limited Edition Sneaker die irgendein anderes reiches Mädchen hat, aber jeder in der Schule weiß, dass sie die nur bekommen hat weil ihre Eltern sich scheiden lassen.

Die Gesichtszüge meiner Oma bewegen sich irgendwo zwischen Lachflash und purer Fassungslosigkeit, ich bestelle Espresso, das will ich weiterhören!

Jetzt geht es um Charlotte (offenbar das aktuelle Opfer der Woche). Charlotte war zwar im Urlaub auf Sardinien ABER die wechselt jetzt aufs Lycée (Anm. französische Privatschule in Wien)

M1 "Ich versteh das nicht"

M2 "Ich auch nicht, ihren Eltern ist wohl egal was aus ihr wird"

M3 "Heute muss man doch Mandarin lernen"

Die drei schütteln ihre wohlfrisierten Köpfe und legen eine halbe Gedenkminute für Charlottes verkorkste Zukunft ein. Danach wird überlegt, ob sie noch ein Eis bestellen sollen, aber zwei der drei Volksschülerinnen befinden sich auf Diät.

Wir zahlen schmunzelnd und gehen. Meine Oma ist im 19. aufgewachsen. Lange bevor es teuer wurde und chic. Als Sievering, Grinzing und Neustift noch Dörfer waren. Man erkennt die Ur-Döblinger mit welcher Nonchalance sie der Zuagrasten Oberschicht begegnen. Sie meint nur "Weißt du Jakob, das war das erleichterndste Eis, dass ich je hatte. Da fragt man sich sein Leben lang ob man seinen Kindern genug geboten hat, aber wenn ich mir die armen Teuferln anschau, habts ihr ja mit mir den Lottosechser gemacht."

Danach Abendessen mit einem Freund im Gasthaus Kopp im 20. Bezirk. "Ich hätt gern Achterl" "Weiß oder Rot?" "Einen weißen" "Na sog des glei!"

So verschiedene Welten nur 3km Luftlinie entfernt. Wien muss man Lieben

© Jakob Zitterbart