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Drama in der Toskana

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Drama in der Toskana | story.one

Der Vorteil an einer Großfamilie ist, dass man im Urlaub meistens noch die Familie im Gepäck hat. Es war nie langweilig. Bei dieser Geschichte war eigentlich ich im Gepäck. Sommer in den späten 90ern. Die Toskana war das Ziel. Tante, Onkel, Oma, ihr Mann, zwei Cousinen, ein Cousin (wie die Orgelpfeifen) und ich.

Mein Onkel hatte einen himmelblauen Bus und die Fahrten waren immer lustig. Meine Schwester war damals noch zu klein, um wirklich Spaß mit ihr zu haben, da war die Verwandtschaft amüsanter.

Neben dem Toskana-Standardprogramm waren auch ein paar Tage am Strand geplant. So eine Großfamilie am Strand in den 90ern ist genau so, wie man es sich vorstellt. Campingsessel, Kühltaschen, Sonnenschirme, Badetücher, Strandzelte, zerlesene Bücher und Zeitschriften, Magnetbrettspiele, volles Programm. Wie der Auszug aus Jerusalem, und das jeden Tag. Ich hatte mich oft gefragt, wie das Zeug und wir alle in den Bus gepasst haben.

Kaum hatten wir den ganzen Klimbim für diesen Tag aufgebaut (schöne Bucht, nah, aber nicht zu nah an den Klos, Pinienwald für Schatten, Parkplatz für den Bus zumindest im Halbschatten), rückte auch meine Tante mit Sonnencreme Faktor 50 an, „damit ihr keinen Sonnenbrand bekommt“. Sonnencreme Faktor 50 hatte damals die Konsistenz von Industrielack, da war noch nix mit „ultralight feeling sunspray“. Unsere Einwände, dass es bewölkt sei, wurden mit dem Hinweis, dass UV-Strahlung auch durch Wolken kommt, ignoriert.

Danach, durften wir weder ins Wasser noch in den Sand, „damit die Creme einzieht“. Also und wohl auch um Ruhe zu haben, wurden wir mit ein paar tausend Lire versorgt und zum Eiskaufen geschickt. Jeder hat sich seine Lieblingssorte ausgesucht, schleckend sind wir zurückspaziert. Als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall den Strand erzittern ließ. Mein kleiner Cousin hat vor lauter Schreck einen Satz gemacht, woraufhin ihm seine Eiskugel ins Meer fiel, da schwamm sie jetzt. Er watete mit seinem Stanitzel in der Hand durchs Wasser und versuchte sie wieder einzufangen. „Mein Eis!!!“

Es begann auch schon zu schütten und die Blitze zuckten, „Vergiss dein Eis und komm her!“ Den zeternden Bub hinter mir herziehend liefen wir zurück zum Platz, aber da war niemand mehr. Kindliche Panik kam auf. Wir waren inzwischen klatschnass. Meine Tante rief uns aus dem Pinienwald entgegen, die Erwachsenen hatten in Windeseile den Hausrat im Bus verstaut, wir rannten so schnell wir konnten hin, rüttelten an den Türen, versperrt.

Mein Onkel stand im Regen. „Nass sind wir eh schon, jetzt steigt ihr mir nicht in den Bus ein, sonst hab ich die ganze Sonnencreme im Sitz picken. “ Vier durchnässte Kinder, die gerade ihr Gelato den Wettergöttern geopfert haben, sind offenbar ziemlich überzeugend. Kurze Zeit später saßen wir im Auto.

Der himmelblaue Bus ist schon lange verkauft. Manchmal denke ich, dass er jetzt vielleicht seine Runden in Afrika oder Südostasien dreht. Seine Sitze sind bestimmt nicht ausgebleicht.

© Jakob Zitterbart 2020-02-15

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