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Es ist genau 80 Jahre her

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Es ist genau 80 Jahre her | story.one

Ich bin in Danzig, der wahrscheinlich unterschätztesten mittelgroßen Stadt in Europa. Das maritime Flair, der polnische Humor und die Gelassenheit, die nur existiert, bevor Orte in den Instagram-Threads diverser Influencer auftauchen, machen Danzig zu einem Geheimtipp.

Dieses Wochenende ist anders. Heute ist der 31. August 2019, vor 80 Jahren, am 1. September 1939, genau hier in Danzig, wurde mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg entfesselt. Wir alle kennen das Zitat. „Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“ Viele wissen, dass der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz, der als Vorwand für den Angriffskrieg gegen Polen diente, initiiert war. Weniger Menschen wissen, dass selbst diese Lüge nur eine von unzähligen vor, während und nach dieser dunklen Zeit war. In Wahrheit hat ein im Danziger Hafen liegendes Schulschiff das Feuer auf die Westerplatte bereits um 4:47 Uhr eröffnet.

Rückblickend sagen viele, es war absehbar und „nur eine Frage der Zeit“. Auch heute, im Jahr 2019, hört man es. Auf den Vernissagen und Gedenkveranstaltungen. Überall, wo Amts- und Würdenträger mit ernster Mine und Pathos gegen das Vergessen mahnen. Ich habe viele dieser Veranstaltungen besucht. Je mehr ich gehört, gesehen und gelesen habe, desto überzeugter bin ich, dass kein Buch, kein Film und keine Podiumsdiskussion einem Menschen je begreifbar machen, was die Betroffenen des Zweiten Weltkriegs durchlebt haben.

Es wird immer über die Fehler und die Lügen gesprochen, niemals darüber, was wir als Individuen und Gesellschaft daraus lernen müssen. In Zeiten von Fake News, Brexit, Iran-Abkommen, Demos in Hongkong und des Klimawandels frage ich mich, sind das schon die Vorzeichen? Werden in 80 Jahren Experten sagen, dass alles „absehbar und nur eine Frage der Zeit“ war? Können wir jetzt was tun? Ist es unsere Pflicht, jetzt was zu tun?

Deprimiert und ratlos sitze ich in einem Café. Die Abendsonne versinkt hinter den spitzen Giebeldächern. Gerade als ich bezahlt habe, will sich eine sehr betagte Dame an den Nebentisch setzen. Ich helfe ihr, den Sessel zurechtzurücken. Sie ist amerikanische Jüdin, auf ihrem Unterarm sehe ich eine tätowierte KZ-Nummer. Sie bedankt sich überschwänglich bei mir. Ich versichere, dass es nichts zum Bedanken gäbe. Sie blickt verklärt übers Wasser zu den gegenüberliegenden Häusern „What a lovely place this is, these days. Who would have ever thought that.“ Emotional überwältigt, verabschiede ich mich und wandere durch die Altstadt. 90 Prozent wurden zerstört. Heute merkt man nichts davon, alles wurde liebevoll restauriert und wiederaufgebaut. Die Stadt pulsiert, Menschen sitzen in Kaffeehäusern und Straßenmusiker spielen, ein Fest für das Leben.

Vielleicht ist das die Erkenntnis, nach der ich suche. Was auch passiert, langfristig wird das Gute siegen. Es ist unsere Pflicht, niemals zu vergessen. Aber es ist ebenso unsere Aufgabe, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

© Jakob Zitterbart 2019-08-31

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