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Papa und Svetlana

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Papa und Svetlana | story.one

Es ist ja nichts ganz Neues, dass sich Männer jenseits der 60 ganz gerne eine Midlifecrisis zulegen. Volles Programm unvernünftig, schwer nachzuvollziehen und für das liebende Umfeld oft nah an der Grenze des Erträglichen.

Jetzt hatte es also Papa erwischt. Er war einer herben, osteuropäischen Schönheit namens Svetlana verfallen. Ich habe erstmals am Telefon von ihrer Existenz erfahren und gelinde gesagt wenig begeistert reagiert.

"Schnapsidee!"..."Hast du vollkommen den Verstand verloren" und "Ernsthaft in deinem Alter?" waren nur einige der Bonmots die mir zur Existenz Svetlanas in seinem Leben einfielen.

Sein trotziges "Mit ihr fühle ich mich wieder jung" und "Alles an ihr ist so einfach und durchschaubar, nicht wie bei den anderen die so 'modern' sind!" trugen ebensowenig dazu bei mich umzustimmen, wie der Vorwurf, ich würde Svetlana aus Prinzip schrecklich finden und ihr gar keine Chance geben.

Ehrlicherweise, muss ich zugeben, dass ich mein Urteil über Svetlana gefällt hatte, ohne sie zu kennen. Nicht sehr erwachsen von mir, aber im Grunde bleibt man ja doch immer auch Sohn und Kind. Fest stand, dass Papa ab nun jede freie Minute mit ihr verbringen würde, von dem ganzen Geld, dass er mit Sicherheit in sie investieren würde, einmal abgesehen.

Auch seine Freunde und Familienmitglieder waren mir keine Hilfe, zwar schüttelten alle den Kopf, aber niemand sah sich im Stande ihn von seinem Irrweg abzubringen. Das nächste Unheil, kündigte sich in Form eines Anrufs meiner Schwester an:

"Er will, dass wir sie nächste Woche kennenlernen! Ernsthaft, so hat er es gesagt KENNENLERNEN". Wir beratschlagten, wie vorzugehen wäre, aber Papa hatte zwischenzeitlich klar gemacht, dass es ihn von nun an nur mehr in Kombination mit Svetlana gab. Geteiltes Leid ist halbes leid, also traten meine kleine Schwester und ich zum Meet and Greet an. Im Garten unseres Elternhauses stand sie, in blau gehüllt und sehr präsent. Ich fand sie wirklich nicht schön, mein Vater offenbar schon. Mit glänzenden Augen tätschelte er sie, meine Schwester und ich rollten mit den Augen. Später ergänzte er noch "Sie trinkt zwar relativ viel aber ist sie nicht entzückend?"

Erlösung kam durch einen Ruf aus dem Haus: "Seid ihr endlich fertig? Ich hab Ribiselschnitte gemacht!" unsere Mutter winkte uns auf die Terrasse.

Oh bevor ich es vergesse: Svetlana ist ein alter Lada Taiga (russisches Auto). Sie hat den technischen Stand eines VW-Käfers der allerersten Generation und Papa schraubt seither jede freie Minute an ihr herum. Er hat sie Svetlana getauft weil sie Russin ist. Auf meine Frage woher er wüsste, dass das Auto weiblich wäre meinte er nur:

Sie erinnert mich an deine Mutter, im Grunde großartig, aber nicht immer einfach.

© Jakob Zitterbart 19.07.2020

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