Salzburger Glamour

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Salzburger Glamour | story.one

Sommer in Salzburg, es könnte gerade stimmig sein am See oder auf dem Berg oder im Straßencafé. Aber es regnet. Bepackt mit einem fetten Wälzer eines verstorbenen Russen suche ich Zuflucht in der Bar des Hotels Sacher. Jede Stadt ist trist im Regen. Besser, die Gräfin Rostowa über zig Buchseiten zu begleiten, wie sie einen Salon in Moskau durchschreitet und eigentlich nix, aber irgendwie doch wahnsinnig viel passiert, als selbst im Freien zu sein.

Hotelbars haben diese eigenartig schöne Stimmung. Keiner ist hier angekommen, niemand hat vor, hierzubleiben, alle Anwesenden gönnen sich gerade eine Auszeit von ihrem Leben, ihren Sorgen oder von wem oder was auch immer. Wenn man lange in einer Hotelbar sitzt, bekommt man erstaunlich viel mit. Business Deals werden am Nebentisch so ins Handy geflüstert, dass ich bedauere, kein Investigativjournalist zu sein. Ältere Herren kommen, um ihre „Nichten“ zu beeindrucken. Frauen, deren Männer ihre „Nichten“ in anderen Hotelbars beeindrucken, treffen Freundinnen und versuchen ihren Frust zu besänftigen. Dazu Amerikaner und Asiaten, die so viele Klischees erfüllen, dass man sie für Statisten in einem Film halten könnte.

Die Dramen im Russenbuch sind gerade etwas langatmig, draußen wird es dunkel. Die Tür schwingt auf, eine Dame, stark geschminkt (50 oder 70 mit gutem Arzt), schreitet in die Bar. Auf ihren Schultern ruht ein blütenweißer üppiger Nerz. Im Hochsommer.

ZACK, liegt der Mantel auf dem Boden, völlig unbeeindruckt marschiert die Dame an einen Tisch. Die guten Geister vom Sacher verziehen keine Mine, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, heben sie den Mantel auf und bringen ihn zur Garderobe. Als sich der Barchef dem Tisch nähert, sagt sie eine Spur lauter als notwendig: „Champagner WIE IMMER.“

Ich muss zugeben der Auftritt hat mich beeindruckt. Ich mag Menschen, die aus der Reihe tanzen. Ich lese weiter. Zwischendurch höre ich, wie die Gräfin dem Kellner von St. Moritz und Monaco erzählt. Nach einer Stunde geht sie nicht minder eindrucksvoll.

Als ich die Rechnung verlange, merke ich schelmisch an, dass ich keine Nerzmäntel um mich werfe, aber trotzdem gerne hier bin. Der Barchef blickt sich um. Als er sich sicher ist, dass uns niemand hört, sagt er:

„Madame ist völlig pleite. Jede Woche kommt sie, schmeißt den Mantel durch die Gegend, bestellt Champagner und erzählt Großartiges. In Wahrheit trinkt sie die Hausmarke vom Sekt und lebt bescheiden. Aber den wöchentlichen Auftritt in untergegangener Grandezza braucht sie, glaube ich. Es erinnert sie an ihr altes Selbst. Ich denk mir, wenn es ihr Freude bereitet, spiel ich eben mit.“

Ich überlege beim Verlassen der Bar, dass es genau das ist, wovon Städte, Hotelbars und Orte generell leben. Von Sein und Schein, und den Rollen, die ihre Protagonisten haben oder sich selbst geben. Es regnet nicht mehr, ich spaziere an der Salzach entlang, blicke auf die Feste. Ein bisschen Glamour tut uns allen gut.

© Jakob Zitterbart 16.11.2019