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#reisen#interrail#europa

Sommer in Europa

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Sommer in Europa | story.one

Die letzten sechs Sommer habe ich immer gearbeitet. Großteils sieben Tage die Woche, zwölf bis 14 Stunden am Tag. Ich möchte kein Mitleid, ich habe mir das selbst so ausgesucht. Und über die dazugehörigen Winter in Südostasien, in Afrika und im Indischen Ozean möchte ich mich sicherlich nicht beschweren. Aber irgendwas hat gefehlt. Ich habe sie vermisst, die Sommer wie damals.

Fuck it, do it! Ich habe mir Zeit und ein Interrailticket besorgt. Ja, mit Mitte 30. Ja, eigentlich bin ich zu alt für so was. Aber einen Vorteil hat es. Gefahren wird mit der Bahn, aber geschlafen im Hotel und nicht in der Bahnhofshalle/am Strand/irgendwo. Jetset für Arme quasi. Quer durch den Kontinent, wenn es mir irgendwo nicht gefällt, zack zum Bahnhof und weiter geht's.

Ich glaube, so richtig bewusst, was Sommer in Europa ist, wird einem erst, wenn man ihn ein paar Jahre nicht hatte. Europa ist ein Kontinent, der wie ein Konzentrat an Erlebnissen, Gefühlen und Stimmung Körper und Geist erfasst. Das ist Wandern und Schlafen auf Berghütten in Österreich, das ist schmunzeln, wie „praktisch“ Deutschland und die Deutschen sind. High Life an der Côte d'Azur, wo Reich, Schön und alle, die es gerne wären, ein paar Tage alle ihre Sorgen vergessen und stattdessen Rosé trinkend die Sonne genießen. Die totale Entschleunigung der portugiesischen Atlantikküste. Das sind vernebelte Partys in Warschau und das übliche organisierte Chaos in London. Unmoralische Angebote in Prag. Fast schon spirituell anmutende Prozessionen der serbisch-orthodoxen Kirche in irgendeinem Kaff, von dem ich immer noch nicht weiß, ob ich es jemals wieder finde.

Ich stelle fest, wie unglaublich schön, sicher und entwickelt unser kleiner Kontinent ist. Wie privilegiert wir sind und wie wenig bewusst uns das ist.

Da ist die Dame in Chanel, die morgens um 10:00 Uhr bereits rotweintrinkend an der Croisette sitzt und darüber philosophiert, dass alles den Bach runter geht. Da ist der spanische Großgrundbesitzer, der es schafft, sich im gleichen Satz darüber aufzuregen, dass er keine Erntehelfer findet um einen Halbsatz später die Elegie auf sein von Flüchtlingen überranntes Land anzustimmen. Da ist die Influencerin einer osteuropäischen Metropole, die beklagt, ihre Eltern hätten es so viel einfacher gehabt, weil in so einer Diktatur, da hätte man wenigstens Orientierung so viel Freiheit ist eben schon ein schweres Los ...

Ich muss oft an jene Menschen in Asien und Afrika denken, die ich getroffen, die mich bewegt haben. Menschen, die so viel weniger hatten. So viel weniger Misanthropie und Depression. Es wäre ein Leichtes jetzt zu beklagen, wie glücklich wir uns schätzen könnten und wie undankbar wir Europäer doch sind. Aber wenn das wirklich das Resümee aus meinem Sommer in Europa wäre, hätte ich in meinen Wintern in Asien und Afrika nichts gelernt.

„Mister Jakob, never look at the bad things, they make you sad. Look at the good things, they make you happy.“

© Jakob Zitterbart 2019-08-02

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