Spätflug nach Mykonos

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Spätflug nach Mykonos | story.one

Ein Wochenende noch den Sommer feiern, am Strand spazieren und in dieses unglaublich schöne Meer springen, das nirgendwo in Europa schöner ist! Ab nach Mykonos.

Die Flüge sind so praktisch, dass man freitags nach dem Büro zum Flughafen fährt und montags sitzt man wieder pünktlich am Schreibtisch und lächelt, weil man das Wochenende nicht besser hätte nutzen können.

Der Tag war so stressig, dass ich während des Fluges Wien-Athen überlegt habe, was ich an meinem Leben ändern muss. Ich liebe es, Pläne zu machen und dann umzusetzen.

In Athen kurz abendgegessen und weiter zur kleinen Propellermaschine. Eigentlich sollten wir längst in der Luft sein. Unruhe bei der Crew. Noch ein Bus bringt Leute aufs Rollfeld. Darunter eine sehr elegante Dame Mitte 50, die sichtlich betrunken ins Flugzeug torkelt. BINGO, sie sitzt neben mir. Sie brabbelt mich auf Griechisch an. Ich konzentriere mich auf mein Buch. Sie lallt auf Englisch, dass alle Männer Idioten sind, dazwischen stößt sie mehrmals auf. Ich fixiere die Stewardess. Sie lehnt sich zu mir und raunt, dass wir eigentlich gerade Door Closing hatten. Die Dame müsste deboarded werden. Aber dann würden wir heute nicht mehr nach Mykonos kommen. Ich hatte die Wahl zwischen der Nacht in einem schäbigen Airport Hotel oder die Verantwortung für eine völlig betrunkene Fremde zu übernehmen. Großartig!

Im Zweifelsfall Mykonos, der „Flug“ ist eh kurz. Ich nickte, die Stewardess ging zu ihrem Platz. Die Alte rülpste und sankt in den Schlaf. Der Pragmatiker in mir öffnete die Tasche, die sie auf dem Schoß hatte. Falls sie sich den Abend durch den Kopf gehen lässt, dann bitte nicht auf meine Hose.

Wir hatten noch nicht mal abgehoben, da rollte ihr Kopf auf meine Schulter. Schmunzelnd, in was für Situationen ich immer wieder gerate, schwankte ich zwischen Mitleid und Ekel, da ich die leise Befürchtung hatte, dass sie mir gerade mein Hemd vollsabberte. Nach der Landung rüttelte ich die Dame wach und hievte sie in die Arme der Stewardess. Ich hatte sie bis auf die Insel geschultert, jetzt war sie eindeutig das Problem von Olympic Airways.

Duschen, umziehen und in Little Venice trinken, tanzen, „Freunde“ für einen Abend finden. Nach mehreren Lokalwechseln stelle ich wieder mal fest, wie wunderbar es ist, dass ich von Musik eigentlich keine Ahnung habe. Der „Higher Love“-Remix von DJ Kygo, ohne den grad in keinem Klub was geht. Ich finde es herrlich. Tanze mit, die Menge teilt sich. Und da, fast genau unter der großen Discokugel, steht sie. Die Flugzeug-Alkoholikerin. Sie wirkt taufrisch, hat ein Glas in der Hand, lacht und tanzt. Die erbärmliche Sitznachbarin wurde binnen Stunden zur beneidenswerten Queen of the Night, jemand, der alles richtig zu machen scheint. Jemand dessen Leben man gerne hätte.

Ich gehe raus, genieße den Wind und die Brandung, denke darüber nach wie ein Leben wirklich ist und wie es auf andere wirkt. Ich atme tief ein. Ich habe ein paar Dinge zu erledigen. Aber nicht heute, erst am Montag.

© Jakob Zitterbart 16.09.2019