skip to main content

#weltbleibwach

Verschollen im belgischen Nirgendwo

  • 474
Verschollen im belgischen Nirgendwo | story.one

Neues, spannendes, aber anstrengendes Projekt. Nach einem halben Tag produktiver Arbeit ein Mietauto voller belgischer Kollegen von einer deutschen Stadt nach Antwerpen gefahren. Über 500 Kilometer, an einem Freitagnachmittag, bei Regen und Sturm. Ich war wirklich müde. Als ich die Kollegen im Antwerpener Büro absetzte, hatte ich den Geistesblitz, dass sie mir ein Taxi zur Abgabestelle der Mietwagenfirma rufen sollten. Sicher ist sicher. Gesagt getan, in 30 Minuten sollte mein Taxi am vereinbarten Ort sein. Ich tankte das Auto, fuhr zur Abgabestelle. Industriegebiet an der Autobahn, zwischen einem Schrottplatz und einer Baustelle gelegen. Es war keiner außer mir da, also das Auto gecheckt, paranoid ein paar Fotos geschossen (Auto da, keine Blechschäden, vollgetankt) und den Schlüssel in die Schlüsselabgebeklappe geworfen. Es ist kalt, der Wind pfeift, Blick auf die Uhr, in drei Minuten sollte das Taxi da sein.

Jetzt sollte das Taxi da sein.

Nun müsste das Taxi seit fünf Minuten da sein.

Vor zehn Minuten hätte das Taxi da sein sollen.

Wäre das Taxi vor 25 Minuten gekommen, würde ich jetzt schon bald im Hotel heiß duschen.

Es regnet. Anruf in der Taxizentrale. In einem Kauderwelsch aus Flämisch, Deutsch und English erfahre ich, dass das Taxi spätestens in sechs Minuten bei mir ist. Auf dem Schrottplatz nebenan leben Rottweiler, die den Schrott bewachen sollen. Tun sie auch, lautstark springen sie gegen den Maschendrahtzaun und ich hoffe, er hält das aus. Sonst sind Kälte und Regen mein geringstes Problem.

Nach weiteren zehn Minuten rufe ich erneut die Zentrale an. Als jemand abhebt, wird die Verbindung unterbrochen. Die Kälte hat meinem Akku den Rest gegeben. Und jetzt? Keine Ahnung, ob und wann ein Taxi kommt. In welcher Richtung liegt mein Hotel oder irgendeine Form der Zivilisation? FUCK! Innerlich kochend, äußerlich zitternd, stapfe ich los, schleife meinen Trolley über das Bankett. Ich weiß nicht einmal, ob ich in die richtige Richtung gehe. Ich frage mich, ob ein Mensch bei zwei Grad, Wind und Nässe in einer Nacht erfrieren kann. Rückblickend vielleicht ein bisschen melodramatisch, habe nie behauptet, ein Held zu sein.

DA! Licht! Ich beschleunige meinen Schritt und nähere mich langsam. Das Licht ist ein rotes blinkendes Herz. Ein Puff. Wieso passiert mir immer so ein Scheiß? Premiere, ich betrete ein Puff. Es riecht nach Potpourri und Desinfektionsmittel. Die Puffmutter lächelt mich an (bin klatschnass und habe einen Koffer dabei, das nenne ich mal PROFESSIONELL), fragt mich, was ich möchte. Auf meine Bitte nach einem Taxi und einer Steckdose reagiert sie leicht verwundert, telefoniert auf Flämisch, sagt mir, dass das Taxi 20 Minuten benötigt. Ob ich sonst noch etwas möchte? Ich widerstehe dem Drang zu fragen, was es kosten würde, wenn sie mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles wieder gut wird. Irgendwann kommt ein Taxi. Im Hotel, erste Frage der Rezeptionistin: Hatten Sie eine gute Anreise?

© Jakob Zitterbart 2019-12-07

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Jakob Zitterbart einen Kommentar zu hinterlassen.