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Wiener Emotionen

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Wiener Emotionen | story.one

Langer Tag im Büro, schnell noch ein paar Sachen besorgen. Normalerweise mache ich Einkäufe mit dem Fahrrad. Aber ich bin spät dran und heute ist der erste saukalte Herbsttag. Also mit dem Auto direkt vom Büro zu Wien Mitte THE MALL.

Ich wohne eigentlich ums Eck aber jetzt kurve ich gerade von Parkhaus B zu Parkhaus C gefühlt die dreifache Distanz zwischen meiner Wohnung und dem Zielort. Naja wenigstens kann ich mich jetzt vortrefflich über dieses Mist-Parkhaus, die Wiener Raumplanung im Allgemeinen und den Architekten dieses Verkehrstechnischen Albtraums aufregen. Sonst hätte ich mich ja beim hinspazieren nur über das Wetter und die grantigen Wiener alterieren können.

Finally prügle ich mich mit gefühlt der halben Stadt um Plätze an der Wursttheke, den letzten Bio-Mozzarella im Regal und die schnellere Kassenschlange. (Tipp: Stellt euch immer an die Schlange wo ich nicht stehe, das ist GARANTIERT die schnellere). Man könnte glauben morgen startet ein fünftägiges Lebensmittelembargo aber es ist nur Montag kurz vor Ladenschluss.

Ich lege mein Zeug aufs Band, widerstehe dem Drang die Omi welche vor mir ihren Einkauf mit 2 Cent Stücken bezahlt, zu schubsen. Das Kind hinter mir bekommt einen Tobsuchtsanfall weil die Mama findet, dass Milchschnitte kein Abendessen ist. ..

ACHTUNG ACHTUNG BITTE VERLASSEN SIE SOFORT DAS GEBÄUDE, BEWAHREN SIE RUHE, BENÜTZEN SIE NICHT DIE AUFZÜGE.

Sirenen, Blaulicht, Feuerarlarm.

Man sollte meinen, Menschen tun in so einer Situation was man ihnen sagt. Es könnte ja um ihr Leben gehen. Nope da wird gezetert, dass die Kassiererin doch bitte schnell noch den einen Einkauf kassiert. Ein Anderer tritt gegen die Lifttür "Weil i muas zu mein Auto", eine Mutter erklärt ihren leicht verängstigten Kindern, "das ist sicher ein Fehlalarm, jetzt warten wir mal was die anderen machen, schau Dominic: da kommt schon die Feuerwehr mit Atemmasken". Nahezu niemand macht Anstalten das Shoppingcenter zu verlassen, jeder schimpft und meutert. Rationalität? Fehlanzeige. Ich bin fassungslos und stehe in der Kälte (als einer von sehr wenigen) ohne Einkäufe. Mein Wohnungsschlüssel zu meiner ziemlich nahen Wohnung liegt im Auto, das sollte es nicht abbrennen auf unbestimmte Zeit nicht zugänglich war.

Es war ein Fehlalarm, ein Teil von mir ist erleichtert, der andere Teil bedauert Darwins verpasste Chance.

Ich komme nachhause und schildere das Erlebte meiner besseren Hälfte in den blühendsten Farben und "die ganzen Depperten" fällt öfter. Diese Grantscherbn die sogar angesichts des Todes noch Motzen und Granteln als sich an die verdammten Regeln zur Evakuierung von Bahnhofsshoppingcentern zu halten. Als ich fertig bin gießt mir F. ein Glas Wein ein und fragt: "Was genau unterscheidet DICH jetzt gerade in diesem Moment von DENEN?" Ich schnappe nach Luft, halte Inne und suche ein Loch im Parkett in dem ich versinken kann.

© Jakob Zitterbart 28.10.2019

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