Wider Pareto

Pareto-Prinzip, kam es Kunibert in den Sinn. Mit zwanzig Prozent des Aufwands achtzig Prozent erreichen. Wenn er das am Ende seiner Tage von seinem Leben sagen konnte, war das sicher nicht schlecht, aber es gab Momente, da reichte das nicht.

Er blickte sich tief in die Augen. Der Dunst um ihn herum hatte sich verzogen, in den Ecken des Spiegels verblasste er allmählich. Kunibert säuberte den Rasierpinsel und strich sich über seine glatte Haut. Er war voll gewesen, dachte er. Von überall war er abgelenkt, von überall mit Texten und Tönen bombardiert worden. Da konnte man schon mal leicht den Überblick verlieren und vergessen, was man überhaupt wollte. Aber jetzt, dachte er, jetzt war er sich sicher – zu hundert Prozent.

GENUG VOM MULTITASKING

Normalerweise lief das Radio im Badezimmer. Normalerweise. Normalerweise rannte Kunibert mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, stellte den Wasserkocher an oder suchte Socken aus seinem Schrank. Alles gleichzeitig. Normalerweise. Aber er hatte genug vom Multitasking. Er war so weit gekommen. Er war den Anweisungen der Streckenposten gefolgt, hatte alle Biegungen des Weges genommen und war in die Stille abgetaucht.

Kunibert ging zur Garderobe und streifte sich das Hemd über, dass er bereits am Vorabend gebügelt hatte. Er wollte sich Mühe geben, dachte er, so dass es ihm jetzt schon eine Freude war. Er wollte den Weg zu Ende gehen, er wollte aufmerksam sein, sich dem Moment hingeben und darauf konzentrieren. Kunibert hatte genug von den vielen Workarounds in seinem Leben. Er war so kurz davor, und heute war der Tag.

JEDES PROMILL ZÄHLT

Manchmal, dachte er, manchmal musste man Prioritäten setzen, er hasste den Spruch. Man kann nicht alles haben, fiel ihm als nächstes ein, aber dieses Mal konnte er, und darunter gab es nichts. Er betrachtete sich ein letztes Mal im Spiegel. Manchmal reichten achtzig Prozent, heute nicht. Jedes verbliebene Promill zählte – und es waren die mühsamsten. Denn sie, dachte er, sie waren am Ende nur der Beweis dafür, wie sehr man tatsächlich etwas wollte.

Kunibert schnappte sich seine Schlüssel und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Er wusste es jetzt. Er wollte alles, dachte er, und er wusste nun auch warum und wie sehr. Zu dumm nur, dass er sich manchmal so leicht ablenken ließ und dann schnell den Überblick verlor…

© Jan-Mikael