Wie ein Freund

Ein guter Torwart ist wie ein guter Freund. Er ist da, wenn man ihn braucht. Robert Enke war der wohl beste Torwart, den Hannover 96 hatte.

Wenn ich über Robert Enke nachdenke, ist es, als würde jemand ein Ventil öffnen und all den Erinnerungen ihren wohlverdienten Raum geben. Wir als Publikum kennen vor allem die Bilder, die dutzendfach dupliziert worden sind. Robert Enke mit seiner Tochter auf dem Arm winkend vor der Fankurve, Robert Enke mit seinen Hunden beim Spazierengehen, Robert Enke im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, Robert Enke im Auto sitzend, einem jungen Fan ein Autogramm gebend, Teresa Enke auf der Pressekonferenz.

Robert Enke war kein Schreihals. Soweit wir es im Publikum beurteilen konnten, war er angenehm zurückhaltend, die Mannschaft als Kapitän und sein Familienleben in Ruhe führend. Er hat das ausgestrahlt, was in einer Freundschaft mitunter am wichtigsten ist: Verlässlichkeit.

Einmal durfte ich ihm persönlich begegnen und seine nach außen hin bescheidene Art kennenlernen. Als ihm in einer HNO-Praxis angeboten wurde, ein Arzneimittel für ihn zu besorgen, lehnte er ab. Er würde dies sicher beim Verein bekommen und könne sich selbst darum kümmern. Leider habe ich es verpasst, ihm meine Bewunderung auszudrücken oder um ein Autogramm zu bitten. Sicher wird er zu oft und von zu vielen Leuten angesprochen, habe ich gedacht.

Wenn ich an Robert Enke denke, ist es kein emotionales Ereignis, das mir einfällt. Es ist ein Gefühl, dass er ausgestrahlt und hinterlassen hat. Als Hannover 96 nach seinem Tod in einer schwierigen Saison der vorentscheidende Befreiungsschlag im Spiel gegen Gladbach gelang (6:1), war es, als wäre er im Stadion anwesend gewesen.

Und so ist es immer noch, wenn mir all die wunderbaren Begebenheiten und großartigen Personen einfallen, die sich mit ihm verbunden haben. Ich denke an Ewald Lienen, der ihn mutmaßlich nach Hannover lotste, an Dieter Hecking, aber auch Andreas Bergmann und Mirko Slomka. An Arnold Bruggink, an Florian Frommlowitz, an Hanno Baltisch, Steven Cherundolo oder Jiri Stajner. An Jörg Sievers, und natürlich an Teresa Enke und seine Töchter.

Als das kommt mir in den Sinn, weil Robert Enke bei allem Ehrgeiz und Erfolgsdruck die Menschlichkeit auszeichnete, mit der er als Kapitän und Rückhalt der Mannschaft Hannover 96 stets durch weitestgehend sorgenfreie Saisons geführt hat.

Wir waren stolz und haben mitgefiebert, als er wieder für Deutschland gespielt hat und haben mitgelitten, als er sich während der WM-Qualifikation verletzte. Diese Verbundenheit wird immer vorherrschen. Denn wie können wir im Publikum nicht sagen, dass Robert Enke auch unser Freund war? Unser aller Freund.

© Jan-Mikael