Wonderwall

„Today is gonna be the day that they’re gonna give it back to you.“ Manchmal bin ich ein Kanalisator, da habe ich die merkwürdige Angewohnheit, Dinge an ihren Platz bringen zu müssen und sehe nur noch die Bestimmung, die es meines Wissens nach hat. Es ist Samstag. Ich schleiche mit einer Teepackung durch die Getränkeabteilung des benachbarten Supermarkts und greife nach einer Flasche Apfelwein. Zwei Schritte um die Ecke, fünf Schritte weiter bis zur Kasse. Sie sitzt dort. Ich habe sie beim Reinkommen gesehen, und ich mag das Gefühl, wenn wir uns zufällig erblicken. Manchmal bin ich nur ihretwegen einkaufen gegangen und ich frage mich, ob sie es jemals bemerkt hat. Mein Herz schlägt schneller, heute macht es mich nicht nervös, es macht mir Angst. Denn es gibt einen Plan. Ich muss es ihr sagen, und mit Kai habe ich überlegt wie.

„Backbeat the word is on the street that the fire in your heart is out”, kommt diese Melodie in meinen Sinn. Einmal hatte ich die Akkorde auf der Gitarre meines Mitbewohners geübt, um es einem Mädchen zu spielen, aber dann haben sich die Dinge anders entwickelt und ihre Bestimmung verloren. Gitarre spielen war sowieso noch nie mein Ding gewesen. Ich bin eher ein Handwerker, ein Handwerker, der an seinen Geschichten und denen des Lebens herumwerkelt. Erfindungsreich immerhin, denn das schokoladige Geschenk, das ich ihr geben will, ist gut in der Teepackung verpackt. Gerade komme ich mir vor wie ein kleines Kind, das hilflos und allein durch den Laden irrt. Wie der kleine Junge, um den sie sich den einen Tag gekümmert hat, als der seine Mutter verloren hatte und er ihr suchend durch den Supermarkt gefolgt war. Wenigstens kenne ich den Weg, nur durch muss ich da jetzt alleine.

„Maybe you’re gonna be the one that saves me.” Zwei Schritte vor, ich biege um die Ecke. Die Schlange an der Kasse ist überschaubar. Sie sitzt dort, sieht gelangweilt aus, aber ich mag ihre unnahbare Kühle, wie sie auch für ihre liebliche Haut die Kühle zu bevorzugen scheint, anstatt sich und ihren Kopf in der Sonne zu verbrennen. Drei Schritte zurück. Das ist doch alles Blödsinn. So toll ist sie vielleicht nicht und vor allem nicht die Idee, die ich mit Kai ausgetüftelt habe. Die besten Geschichten sind möglicherweise doch die, die nur in Gedanken und nie in Wirklichkeit passieren.

„I‘m sure you‘ve heard it all before but you never really had a doubt.” Zwischen den Getränken fällt mein Blick auf eine Flasche kleiner Feigling. Früher habe ich das Zeug literweise in mich hineingekippt, heute ekelt es mich an. Feigling, denke ich, sei einmal mutig! Andere sind auch mit einer Schokolade unterwegs, fällt mir Kai wieder ein. Ich kann nicht länger warten, muss ihr das Geschenk in ihre Hände legen, ihre weichen Hände, die ich mag, wenn wir einander berühren, um uns das Geld zu reichen. Einmal mutig, sage ich mir wieder, während eine alte Dame mit einem Einkaufswagen in den Gang gebogen kommt. Vor sie kommen, denke ich. Zwei Schritte vor, fünf Schritte bis zur Kasse.

„There are many things that I would like to say to you, but I don’t know how.“ Sie scannt die Ware eines Mannes vor mir, schaut flüchtig in meine Richtung, und ich mag, wie ihre weißen Zähne zum Vorschein kommen, wenn sie vorsichtig lächelt. Der ist schon bezahlt, werde ich sagen und die Teepackung einfach bei ihr stehen lassen. Ihre langen braunen Haare legen sich über ihre Schultern und auf ihrem gewölbten T-Shirt nieder. Später wird sie den Karton öffnen, denke ich und dann die Überraschung entdecken. Die alte Dame reiht sich hinter mir an der Kasse ein. Gut, etwas Rückendeckung, muss nicht gleich jeder mitbekommen, was ich hier veranstalte.

„All the lights that lead the way are blinding.“ Ich mag ihre dunklen Augen, die mich manchmal ertappen, wenn ich sie zu lange bei ihrer Arbeit beobachte, ihren schlanken Körper, wenn sie hinter der Kasse hervorkommt, um im hinteren Teil des Supermarkts zu verschwinden. Der Apfelwein geht über den Scanner, es piept leise zur Bestätigung. „Zweineunzig“, höre ich schon ihre routinierte Stimme, stelle den Teekarton ab und gebe ihr das Geld. Bon, fragt sie noch, ich lehne ab, erwidere in meiner Nervosität nicht einmal das schöne Wochenende. Überhaupt vergesse ich meinen ganzen Text, den ich nicht einmal hatte. Nur das vermeintliche Geschenk steht jetzt verloren an der Kasse, und ich stiefle los. „Ihr Tee“, ruft die alte Dame hinter mir.

„All the roads we’re walking are winding.“ Ich bin mehr ein Handwerker, und wenn die Dinge einen unvorhergesehen Lauf nehmen und mir das passende Werkzeug fehlt, verliere ich schon mal meine Fingerfertigkeit. Ich hätte die Packung stehen lassen und irgendetwas sagen können. Ich wusste nur nicht was und habe es verpatzt. Besonders toll ist die Tarnung auch wirklich nicht. Als wenn ich das Geschenk vor ihr verstecken müsste, dabei ist es mehr ein Schutz, damit das kleine Schoko-Törtchen in meiner Jackentasche nicht so leicht kaputtgeht. Wahrscheinlich stört sie diese kleine Unzulänglichkeit nicht mal, so wie sie auch über meine gelacht hat, als ich ihr einmal an der Kasse einen Kasten Bier unbeholfen über das Fließband hinweg entgegenreichen wollte.

„By now you should’ve somehow realized what you gotta do.“ Der Karton ist entfernt, das zweite Mal stehe ich heute in der Schlange an ihrer Kasse, das Schoko-Törtchen in der Jackentasche. Gleich werde ich es ihr geben und nicht wieder wochenlang mit mir herumtragen, bis es in der Plastikummantelung zermanscht sein wird. Zwei Tomaten liegen schon auf dem Kassenband. Ein Notkauf, habe ich überlegt, und dass ich noch etwas vergessen habe, werde ich sagen, gleichzeitig das Schoko-Geschenk aus der Tasche holen und an die Kasse legen. Text und Handgriff bin ich in Gedanken durchgegangen, neunundsechzig Cent will sie just von mir haben und gerade greife in meine Jackentasche und fühle die Plastikhülle, da taucht ein geschäftiger Mann neben mir auf. „Wer macht heute die erste Kasse?“, fragt er. Offensichtlich hat er hier etwas zu sagen und bringt mich schon wieder in Not. „Noch mal ein schönes Wochenende“, sagt sie und klingt in meinen Ohren auffällig bestimmt. Dann wendet sie sich ihrem Chef zu. „Ich“, sagt sie und nimmt seine Anweisungen entgegen.

„Today was gonna be the day, but they’ll never bring it back to you.“ Das Versteck in der Jackentasche ist genauso dämlich. In bunten Bildern habe ich mir ausgemalt, wie das alles klappen würde, aber die Situation ist wie eine Wand und ich laufe immer wieder dagegen. Wenn ich sie durchbreche, kann alles passieren und darauf bin ich schlecht vorbereitet. Vielleicht sind die besten Geschichten doch die, die nur in Gedanken und nicht in Wirklichkeit passieren. Nur davon habe ich mittlerweile genug. Sei einmal mutig, sage ich mir und renne am Nachmittag wieder nach drüben. Ich mag sie einfach, wie sie dort sitzt und nur da ist und ich würde es mir nicht verzeihen, wenn sie es eines Tages nicht mehr täte, ohne dass ich es ihr je gesagt haben würde.

„I don’t believe that anybody feels the way I do about you now.” Egal was passiert, sage ich mir, als ich an ihre Kasse trete und vor mir ein Mann bereits seine Einkäufe verstaut, hinter mir niemand mehr ist und sie sogar lächelt, als sie mich zum dritten Mal an diesem Samstag entdeckt, und ich nun das Schoko-Törtchen mit der roten Schleife auf das Kassenband lege. Langsam fährt es in ihre Richtung, sie greift danach, führt es über den Scanner und ein irritirendes Piepsignal ertönt – so wie in einer Quizshow, wenn jemand die falsche Antwort gibt. „Das ist für dich“, sage ich schnell. „Das ist schon bezahlt.“

„I said maybe you’re gonna be the one that saves me.” Jetzt schaut sie genauer auf das Schoko-Törtchen mit der roten Schleife, auf das ich meinen Namen geschrieben habe – und den Wunsch, sie kennenlernen zu wollen, denn ich mag, wenn sich unsere Blicke manchmal treffen und ich dann damit kämpfen muss, meinen nicht abzuwenden, wenn wir diesen Moment gemeinsam und alleine haben. „Danke“, ruft sie überrascht aus und strahlt, und ich bin einfach nur froh und stolz und glücklich über diese Geschichte, die soviel besser ist als die aus meinen Gedanken. Denn nun ist sie echt. „And after all you’re my wonderwall. You’re my Wonderwall.“

© Jan-Mikael