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#leidenschaft#teneriffa#eigenartig

Das Paradoxon auf 3700 m

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Das Paradoxon auf 3700 m | story.one

Der serpentinenförmige Weg schlängelt sich stetig nach oben. Es ist drückend heiß, nichts ist da was Schatten spenden könnte. Die wenigen Grasbüschel reichen nicht. Kein Wunder, am 28. Breitengrad und auf dieser Höhe. Wir waren auf 2350 m losmarschiert und bereits eine Stunde unterwegs. Nur ganz wenige andere Leute am Weg. Trinkpause.

Teneriffa ist weithin bekannt als Urlaubsinsel im Sommer. Vor allem der heiße Süden mit den riesigen Touristenstädten wie etwa Playa de las Americas. Mit Konservendosengefühl am Strand. Nichts für uns.

Der Norden ist uns die wesentlich angenehmere Seite der Insel. Weniger heiß, weniger Leute, grüne Landschaft, einsame Orte und Strände. Heute jedoch wollen wir hoch hinaus. Auf den Teide, den höchsten Berg Spaniens.

Mein Höhenmesser zeigt bereits 3000 m an. Die Hälfte war geschafft, der Gipfel noch nicht zu sehen. Das Lavagestein ist leicht, jedoch sehr spitz und rau. Von dunkelbraun über rötlich bis ockergelb, ganz anders als die Berge zuhause. Es geht langsamer voran, die Pausen werden häufiger. Die Aussicht imposanter. Die Trinkflaschen leerer. Stille zum Genießen.

Der Teide ist Weltnaturerbe und Nationalpark. Und viel besucht. Das liegt an der Teleférico del Teide, der Seilbahn die 1971 eröffnet wurde und die zu vielen Neugierigen bequem bis auf 3555 m chauffiert, lediglich 160 m unter der Spitze. Um die Massen die zum Gipfel wollen zu limitieren und zu kanalisieren braucht man vorab eine „aprobación“, mit Tag und Uhrzeit.

Als wir schließlich nahe der Seilbahnstation vorbeikommen sehen wir einen Menschenschwall aus der Gondel strömen. Ein Teil davon biegt auf den Weg Richtung Gipfel ein, die Gruppen vermischen sich. Jedoch mit eindeutigen Unterscheidungsmerkmalen. Wir sind alpin bereift mit festen Bergschuhen, die anderen mit Sneakers und leichten Turnschuhen. Wir schleppen unsere bergtourmäßig gefüllten Rucksäcke, die anderen nur Handtaschen oder eigenes Übergewicht.

Der Nationalpark- Ranger überprüft die Genehmigung und wir marschieren das letzte Stück. Der Weg ist recht einfach, tauglich für leichte Sommerbereifung. Die Luft ist dünn, wir gehen bedächtig, der Schweiß läuft stetig. Andere schnappen nach Luft, kämpfen mit ihrem Kreislauf.

Wir erreichen erschöpft den Gipfel. 3715 m. Vulkanischer Schwefelgeruch. Die Aussicht ist grandios, gewaltig. Wir überblicken einen Großteil der Insel. Einige Wolken unter uns. Der warme Wind kühlt kaum. Die Anstrengung hat sich echt gelohnt.

Zuhause sind wir es gewohnt, in einem solchen Augenblick die Stille zu genießen, zu staunen, die Blicke schweifen zu lassen.

Hier ist es anders. Das Gipfelareal ist klein und wir müssen mit Ausflüglern teilen, etwa einer festlandspanischen Familie. Die Kinder turnen herum, die Mama macht Selfies. Papa telefoniert mit seiner Mutter in Madrid und berichtet vom Gipfelerlebnis.

Ich mag keine Gipfel ohne Schweiß. Ins Tal nehmen wir aber auch die Seilbahn. Und werden ein wenig bestaunt.

© JanGroenhain 2020-08-16

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