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#baumwelten#wachsamkeit#herbst

kopfschmuck

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kopfschmuck | story.one

Ich sagte meine Worte durch die Blume, als ich siebzehn war. Kupferrote Blätter bedeckten mein Gesicht und jeden Makel, den ein Blick zu Boden nicht verbarg. Ein jeder meiner Finger war ein Zweig an einem langen Ast. Ich war ein Baum auf einer abgesperrten Wiese.

Meinen Kopfschmuck – die Früchte nächtelangen Denkens, meine Lese leichter Worte, die die Blüten nicht verrücken –, trug ich stolz und voller Anmut, ja, ich blühte im Vergehen. Gelegentlich erscheint mir heute schleierhaft, wie ich mich nie gestochen habe, nie geschnitten am Geäst. Denn ich weiß, ich hab’ geblutet, bitterlich, von Zeit zu Zeit, und die Flecken mit Blättern und Fallobst maskiert. Was über meine Lippen ging, lief geradewegs durch einen Irrgarten aus Blüten, betörend in Farbe und Geruch. Gefiltert jedes Zwiegespräch, benebelt jedes Gegenüber, vorteilhaft für mich und meine goldene Fassade.

So schlug ich tiefe Wurzeln an der Stelle meines Herbstbeginns und redete mir ein, meinen Weg zu kennen. Wie eine Krone trug ich die Behauptung, auf meinem Standpunkt zu beharren, weil ich ebendies im Wortsinn ja auch tat. Flüstertöne huschten durch die Blume wie ein Gebet, ich wünschte mir Stabilität und legte als Opfer meine Freiheit dar. Latent, das bestgehütete Geheimnis jener Zeit: Die Angst, die mich durchlief wie Wasser. Angst, dass jemand mir zur Seite steht, wenn es gewittert. Angst vor jedem Windstoß, der die Blumen, meine Blüten raubt. Angst vor jedem Atemzug, denn meine Wurzeln waren hohl.

© Jasmina Cavkunovic 2020-11-21

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