Gemeinsam Einsam

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Ich bin im letzten Sommer umgezogen. In die Heimat. Nach zwanzig Jahren, in denen ich überall und nirgendwo zu Hause war. Ich habe in der Zeit viele Freunde gefunden, Lieblingsorte entdeckt, bin Mutter geworden und habe es genossen ein Zigeunerleben zu führen. Das Weggehen kann, so traurig es auch ist, durchaus wunderschön sein. Denn es zeigt einem, was wirklich etwas wert ist. Nun sitze ich hier also, ein wenig gefangen, in dem Haus, das ich aus vielen Gründen zu meinem Fürimmerzuhause bestimmt habe. So viele Gedanken kommen und gehen und einer davon ist geblieben. Gemeinsam einsam sein, das hatte immer diese Bedeutung von einer schlechten Beziehung, und nun? Nun sind wir kollektiv gemeinsam einsam. Wir sehnen uns nach einer Umarmung, nach körperlichem Kontakt, nach Liebe. Nicht in Büchern. Nicht in Worten. Nein! Wir wollen den ‚real deal‘. Wir wollen alles. Wir merken, dass das Virtuelle im Angesicht der Realität ein blasser Abklatsch ist. Wir lernen auch, wie wichtig unsere sozialen Kontakte sind. Wir greifen zu Telefonen und reden wirklich miteinander. Wir finden andere Wege zueinander. Wir helfen uns gegenseitig so gut wir können. Wir sind freundlich und wünschen uns gegenseitig nur das Beste. Und doch, die Nähe fehlt. Wir haben nun Zeit und können sie nicht teilen. Gerade jetzt lernen wir eine Freundlichkeit, einen gegenseitigen Respekt kennen, der ganz neu für uns ist. Voller Leben und Liebe. Das ist der neue Spagat zwischen Gemeinsamkeit und Einsamkeit. Wenn wir nur irgendwie die Chance in dieser noch ausweglosen Situation sehen könnten, würde uns bewusst werden, dass so viel gefehlt hat. Nein, Dinge, die hatten wir. Aber wie sieht es aus mit Höflichkeit, Nächstenliebe, Respekt der Natur gegenüber? Wie mit Empathie, sozialer Gerechtigkeit und Urteilsfreiheit? Ich wünsche mir eine Zukunft, in der all diese Dinge eine Rolle spielen. Für uns jetzt und für die nächsten sieben Generationen. Vielleicht können wir aus dieser Isolation etwas mitnehmen für die Zukunft. Vielleicht wird uns eines Tages bewusst, vielleicht wenn unsere Enkel oder Urenkel uns nach Dem Virus fragen, dass nur die Gemeinsamkeiten, das Miteinander, die Nächstenliebe uns alle auf so viele Unterschiedliche Weisen gerettet haben. Nach großen Verlusten und Krisen, entstehen neue Chancen. Wir haben jetzt das Angebot bekommen neu anzufangen. Wie viele Menschen bekommen diese Gelegenheit in ihrer Lebenszeit geboten? Und viel wichtiger, was werden wir mit dieser Chance machen? Wenn ein einzelner Mensch sich ändern kann, kann das eine Gesellschaft auch. Wir sind wie dafür geschaffen, uns zu ändern, die Welt zu verbessern, und wir fangen gerade erst damit an. So wird aus einem 'Tschüss' ein 'Bleiben Sie gesund'. Ich freue mich auf unsere Zukunft.

© Jeanette Heimerdinger