Frei

Frei. Urlaub. Eine Tauchreise an's Rote Meer. Nicht ganz. Eine Studienreise nach Israel mit vier Tagen Urlaub dort. Doch wir waren eine Tauchergruppe und nach einigem Verhandeln wurde daraus 10 Tage Tauchen und vier Tage das Land studieren.

Freie Sicht unter Wasser und dies überraschend auch in 60m Tiefe. So ganz anders als Zuhause, wo es ab 5m im trüben Wasser meist dunkel wird. Es war herrlich, in den ersten 10m mit dem vollen Sonnenlicht diese Farbenpracht bei Tieren und Pflanzen zu erleben.

Doch da waren noch die vier Tage Israel kennenlernen. Wir hatten einen super Guide für diese Zeit, der uns die Essenz verschiedener Orte zeigte. Wie die Grabkammer von Jesus. Als es dort drin durch die Besucher eng wurde, führte er die Anderen von uns um die Ecke, wo sich eine weitere befand und er schmunzelnd sagte 'Auf der Gebäuderückseite gibt es für alle Fälle noch eine'.

Dann die Besichtigung einer Kirche und dort den christlichen Altar. Ok, neugierig schaute ich hinter den dicken Vorgang seitlich neben dem Altar. Der Guide sah dies, kam zu mir und sagte 'Dies ist der der Muslime'. Ich staunte und ging zum Vorhang auf der anderen Seite. 'Das ist der Jüdische' hörte ich ihn hinter mir sagen. Ich war baff und der Gedanke bohrte: Hier sind die drei Religionen nebeneinander nur durch einen Vorhang getrennt und draußen hauen sie sich wegen ihres Glaubens die Köpfe ein.

Und dann eine Gedenkstätte mit Dokumentationen aus der Nazizeit. Hier sagte der sonst gesprächige Guide nichts und organisierte nur den Eintritt. Wir gingen rein, ich verlor die Gruppe und fand mich plötzlich alleine draußen wieder. Wie gelähmt. Die Zeit dazwischen war einfach weg, erinnere mich nur daran, schnell raus und tief durchatmen statt mich dort zu übergeben.

Dann war da nichts mehr von 'Frei' in mir und das Verdrängen wurde abgelöst durch eine schon 30 Jahre anhaltende Neugier: Weshalb setzen sich Gedanken wie die Vorstellung einer Religion oder Weltanschauung oder anderer Ideen so tief in uns Menschen fest? Sodass sie dann verteidigt werden, als ob deren Fehlen lebensbedrohend ist. Es sind doch bloß Gedanken. Antworten dazu reifen als Ideen in mir.

Gestern begegnete mir der Liedtitel: Die Gedanken sind frei. Oh. Ich schaute nach und fand, dass es sich dort auf den Inhalt der Gedanken bezieht. Doch frei bedeutet sehr sehr viel mehr: Freie Gedanken bedeuten auch, sie verändern können, sie ziehen lassen und deren Unterschiedlichkeit genießen. Es ist eine Entscheidung.

Meine Gedanken sind frei.

© Joachim Klöckner