Frieden

Mein erster Auftrag als Energieberater war klar, der Unternehmer begleitete mich noch zu meinem Auto. 'Ja, dass passt zum Job' sagte er schmunzelnd als er die grüne Ente sah, auf deren Seite 'I fly bleifrei' stand. Es gab nur eine Tankstelle in Kassel mit bleifreiem Benzin. Dann entdeckte er die Friedenstaube, weiß auf blauem Grund. Diese Aufkleber gab es damals viele hinten auf den Autos. Doch meine zierte das Armaturenbrett dort, wo heute meist die Navigationsgeräte sind. Denke gerade: auch eine Form der Navigation. 'Das passt zu Ihnen' waren seine Worte und sein nochmaliger Händedruck war deutlich kräftiger.

Ein paar Jahre später, ich lebte jetzt in Bonn, fragte eine Bekannte: Ich bin nächste Woche einen Tag auf einer Weiterbildung in Kassel. Willst du mit? Klar fuhr ich mit. Das Veranstaltungsgebäude kannte ich, den Fußweg zum Friedhof auch. Die Entscheidung dorthin zu gehen kam spontan und mit undefinierbaren Gefühlen. Dort liegt mein Vater seit fast 20 Jahren. Ich war niemals vorher dort gewesen, auch nicht bei seiner Beerdigung.

Das Grab gab es nicht mehr, die Urne war mit vielen anderen an einem unbekannten Ort auf dem Friedhof. Mir fiel ein, dass er gerne unter einem Baum liegen wollte und ich setzte mich in den Rasen unter einen Baum. Erstmal still und unruhig. Dann erinnerte ich mich an die Erzählungen meiner Patentante, die ich bei einem Tagesausflug mit dem Rad an meinen Geburtsort im Westerwald vor einigen Wochen zufällig traf. Ich hatte sie total vergessen. Sie kannte meinen Vater wohl sehr gut und erzählte mir nach anfänglichem Zögern sehr viel aus seinem Leben. Ich hörte mehre Stunden zu, einfach schweigend. Und begann langsam, langsam diesen Mann zu verstehen.

Dieses Verstehen tauchte jetzt wieder auf. Gewaltig berührend. Ich wollte es zeigen und nahm meinen Laptop und schrieb alles auf. Es wurde ein langer Brief an ihn. Ich spüre jetzt auch die feuchten Augen, wenn ich daran denke. Und einige Selbsterfahrungsseminare fielen mir wieder ein, in den ich andere Männer gebeten hatte, Stellvertreter für meinen Vater zu sein um mit ihnen zu weinen oder sie mit Schaumstoff zu verprügeln.

Diese vielen Textseiten, die einfach aus mir heraus flossen, schickte ich dann direkt unter dem Baum sitzend an zwei Schwestern per Fax. Es gibt eine Schwester mit der selben Mutter und drei ältere Halbgeschwister. Das tat richtig gut, erleichterte mich und ließ mich innerlich tanzen. Ich spürte Frieden mit mir und meinem Vater. Erstmalig.

Eine Schwester rief Tage später an und sagte, es lese sich wie das Plädoyer eines Anwalts das aufzeigt, dass er doch kein so schlechter Mensch war. Und die drei Schwestern wollten sich mal treffen. Ich freute mich, sie trafen sich - und hörte nie wieder etwas von ihnen. Meine Nachrichten blieben unbeantwortet. Irritierend, was ist passiert? Ich spürte jedoch etwas Gutes, Klares in mir und wünsche es jedem Mann, mit seinem Vater in Frieden zu sein und dann seinen eigenen Weg zu gehen. Dies tut so gut.

© Joachim Klöckner