Gehen

Ich hörte 2001 vom Jakobsweg, mehr als 700km gehen. Er lies mich nicht mehr los, dann ging ich ihn.

Die letzten 150km gibt es dort rückwärts zählende Kilometersteine. Bei km 99 war die Herberge, belegt zum Platzen. Da ich erst abends ankam, bekam ich einen Platz in der Küche für meinen Schlafsack und eine Decke. Sehr ungemütlich. Mehrmals wachte ich auf und dann am Morgen, bevor die anderen Pilger aufstanden, war ich schon unterwegs. Es war der erste Morgen mit Wolken auf meinem Weg in diesem August. Spontan entschied ich mich, diesen Tag die restlichen km durchzugehen. Also los.

Brötchen, Bananen und Schokolade gab es im ersten geöffneten Geschäft. Ich futterte im Gehen, Wasser gab es genug an öffentlichen Brunnen. Ich fühlte mich leicht und freute mich auf die Herausforderung. Bald überholten mich die Radfahrer, klopften mir auf die Schulter, fuhren neben mir um mir den Tacho zu zeigen, der so zwischen 6-7km/h pendelte. Ich war gut unterwegs. Wir trafen uns noch mehrmals wenn sie Pause machten und ich vorbei ging. Freude für meine Entscheidung tauchte auch auf, wenn ich an Herbergen vorbei ging und die Menschenschlangen dort sah. In Spanien gehört es zu den Bewerbungsunterlagen, die letzten 150km gegangen zu sein und im August sind dort und in Frankreich Sommerferien. Ich ging und ging und ging. Es wurde immer leichter, fast schwebend und mit jedem km die Freude größer.

Der Wald war richtig dunkel, die Mondsichel verschwunden und ich ging dem hellen Lichtschein am Horizont entgegen. Ich hatte beschlossen, dass der von Santiago kommt und mir die Richtung zeigt. Manchmal dachte ich, die Füße hätten Augen. Mir fehlt noch heute eine Erklärung, wie ich diese Stunden schaffte, weil nur das Licht der Sterne mir eine Ahnung vom Weg gaben. Das einzige Unwohlsein kam auf, als im Hintergrund ein Hund bellte.

Der Lichtschein wurde heller und ich bemerkte, dass noch ein Berg vor mir war, den ich dann die letzten km auf einer Teerstraße hochging. Und oben staunte: Im diffusen Licht der noch über 10km entfernten Stadt erkannte ich den ersten Wegweiser des Jakobsweges seit Stunden. Ich weinte vor Freude und konnte es nicht fassen, dass mir vorher nicht ein einziges mal Zweifel an der Richtung kam.

Ich folgte den Wegweisern, ging dann mal eine halbe Stunde zurück um dann doch denselben Weg weiter zu gehen. Um halb eins war ich in der Herberge nach 18 Stunden und über 100km. Unter der Dusche flossen die Glückstränen und halfen mit, den Staub abzuwaschen. Diese Stunde ist unbeschreiblich und färbt mein Leben bis heute.

© Joachim Klöckner