Legasgenie

In Physik eine Eins, Algebra eine Fünf. Gute Noten auch in Biologie, Geometrie, Werken und beim Aufsatzschreiben. Fünfen gab es dagegen in Rechtschreibung, Geschichte und Englisch. Und wenn es wieder einmal ein Fünf in Algebra und gleichzeitig eine gute Physiknote gab, schüttelte mein Lehrer den Kopf: Es sind doch ähnliche Formeln, siehst du das nicht? Nein, ich sah es nicht und hörte: Ich sei zu dumm, zu faul oder wolle einfach nicht.

Ich verstand nicht, was mit mir los war. Erst Jahrzehnte später mit 50 kam der Moment der Klarheit für mich. In einer Buchhandlung las ich einen Forschungsbericht für ein Kultusministerium mit der Frage: Warum haben Legastheniker einen durchschnittlichen IQ von 120?

Noch während ich las, kamen mir die Tränen. Ich hatte das Gefühl, in meinem Innersten erkannt zu werden.

Eigentlich klingt es ganz einfach. Legastheniker denken mehr in Abläufen als in Bildern. Etwa 20 % aller Menschen sind davon betroffen und diese Form des Denkens ist vererbbar. Der Unterschied ist für die Rechtschreibung: Mehr in Bildern denkende Menschen prägen sich das Bild eines Wortes ein und vergleichen ihr Geschriebenes damit. Sie können auch beim Lesen lernen, indem sie die Worte als Bilder speichern. Ich als Ablaufdenker schließe die Augen und meine Handbewegung beim Schreiben entscheidet, ob das Wort mit einem 'm' oder zweien geschrieben wird. Ich speichere also die Buchstabenfolge und müsste, um zu lernen, jedes Wort oft schreiben.

Diese Erkenntnis war für mich eine riesige Erleichterung, die mich sofort motivierte, durch Aufklärung zu unterstützen und ein positives Bild der Legasthenie zu zeigen, da sie heute ja meist als Mangel betrachtet wird. Die Zeit danach erkannte ich Menschen nach wenigen Sätzen als Ablaufdenker und sprach mit ihnen, weil ich ja 'von etwas' sprechen konnte statt 'über etwas'. Ich erlebte weinende Väter, die plötzlich ihre Kinder verstanden. Und fand heraus, dass Einstein, Christie und Hitchcock auch Legastheniker waren.

Wenn ich jetzt zurückspüre, entdecke ich auch dieses Anderssein als einen Anstoß, Selbstsein zu leben. Und in einer Kultur zu überleben, in der es sehr, sehr wichtig scheint, 'richtig' zu sein.

© Joachim Klöckner