Los

Sand, nichts als Sand. Nicht nur um mich herum sondern auch in jedem winzigen Eckchen der Kleidung und Gepäck. Und auch im Essen, ich nannte ihn dort: Universalwürzmittel. Wir waren mit Kamelen in der Sahara unterwegs.

Irgendwie zauberten die begleitenden Beduinen Holz herbei für ein riesiges Lagerfeuer am letzen Tag dieses Jahres. Herrlich drumherum zu sitzen, vorne die Hitze zu spüren und im Rücken die Kälte. Die Zeit floß dahin, das Feuer wurde kleiner bis noch eine Fläche glühendes Holz blieb, in dem der Wind spielte und die Glut immer wieder zu Aufglühen brachte. Still beobachteten wir dieses Schauspiel.

Und dann kam der Gedanke, diese zwei Meter über die Glut zu gehen. Ein hin und her im Kopf begann, ich zog die Schuhe und Strümpfe aus und wieder an. Und wieder aus, stand auf und - und hockte mich wieder hin. Und dann nochmals, ich stand ganz dicht vor der Glut. Und hockte mich wieder hin. Doch dann hörte ich sie, diese stille und doch deutlich Stimme wie so sagte: Los, geh. Ich konnte nicht anders, ich ging. Und wieder zurück und dann nochmals. Unbeschreiblich diese tiefe Freude und Leichtigkeit.

Woanders.

Das Plakat wir riesig und das Bild blieb in mir. Zwei Tage und dann fuhr ich hin. Da stand er, dieser riesige Kran und das Luftkissen davor. Bungeejumping, ich wollte springen. Der Korb am Kranhaken kam herunter, ich stieg ein und bekam die Gummiseile an die Beine angelegt. Mich interessierte dies Handling, es lenkte sehr gut ab. Und dann ging es hoch, die Welt da unten wurde kleiner und dann wurde es still.

Der Mitarbeiter im Korb gab mir Anweisungen, die ich zwar hörte und doch nicht. Mein Blick ging nach unten und da mir jetzt niemand einen Schubs gibt, lag es an mir zu springen. Es ging hin und her im Kopf, mein Körper zitterte und dann kam der Gedanke während ich in die Knie ging: Fahre mich wieder runter. In diesem Moment der Erleichterung hörte ich sie dann wieder diese leise Stimme wie sie sagte: Los, spring.

Und ich sprang. Der Flug, das stille, sanfte Abfedern und Ausschwingen mit den Gummiseilen schien endlos. Ich war berauscht und glücklich.

Noch woanders.

Ich hatte Höhenangst und entschloss mich deshalb, klettern zu lernen. So richtig mit Seilen und Gurten. Und nach den ersten Tages des Übens dann eine etwas schwierigere Stelle.

Der Lehrer saß oben und nahm uns ins Seil. Vielleicht 10 m Strecke. Ich ging diese Wand leicht an in Erinnerung an einige Stellen, die ich die Tage vorher schon geklettert war. Es machte Freude. Doch dann, so fünf Meter vom Lehrer entfernt stockte ich und fand keinen neuen Griff und Tritt mehr. Angst stieg in mir hoch, die zur Panik wurde. Ich vergaß alles, auch das ich angeseilt und gesichert war. Die Gedanken rotierten und der letzte war: Jetzt stürzt du ab. Fast erleichternd. Und dann hörte ich sie wieder wie sie sagte: Los, klettere weiter. Ich löste den Griff, fand einen neuen genauso wie der Fuß. Es ging wie auf einer Leiter weiter.

Geblieben ist ein tiefes Vertrauen zu dieser Stimme mit ihrem 'Los'.

© Joachim Klöckner