Minimalist

Wenig tote Dinge erlauben mir viel Zeit, Energie und Raum für Lebendiges.

Ich erinnere mich noch an die überraschten Gesichter der TeilnehmerInnen, als ich diesen Satz als Essenz eines Workshops aussprach. Vor 30 Jahren und ich ahnte nicht, wie sehr er mein Leben prägen wird.

Ein paar Wochen später traf ich einen der Teilnehmer auf der Straße. Er erzählte lachend, dass er mit seiner Frau und den Kindern bei Ikea waren und zwei volle Einkaufswagen Richtung Kasse schoben, als ihn seine Frau anschaute und sagte: Du hast mir doch von Joachim erzählt, brauchen wir dies alles wirklich? Wir schauten uns einen Moment fragend an, ließen dann die Wagen einfach stehen, gingen mit den Kindern ins Restaurant und holten ihnen Eis und uns Kaffee.

Heute geht Umziehen bei mir mit Handgepäck und ich spüre ein tiefes Verständnis für das, was ich damals als Lebendigkeit bezeichnete. Die Handlungsebene dafür ist in einem Satz zusammengefasst: Tue Gutes für mich, für andere und für’s Ganze.

Darf ich ein Selfie mit dir machen? fragte der junge Mann. Er kannte mich nicht, ich sah für ihn einfach interessant aus.

Du bist ja ganz weiß! sagte eines der zwei fünfjährigen Mädchen, die in der Bibliothek vor mir standen. Draußen schneite es und ich sagte: Ich bin der Schneemann. Ich hörte ein richtig tolles Kinderlachen, das mich begeisterte bis ich das entsetzte Gesicht des zweiten Kindes sah und hörte: Du lügst, du hast keinen Bauch.

Seit einigen Jahren sind meine Kleidung und die andere Stoffsachen weiß, damit mit meinen wenigen Dingen die Waschmaschine gefüllter ist und nichts abfärbt. Gelb kam nach der Info dazu, dass es nicht abfärbt. Ich bleibe dabei, werde freundlicher angesprochen und höre Worte wie: Endlich mal ein freundlicher Lichtblick in diesem trüben Grau.

Es war auf dem Jakobsweg 2001 in der Herberge für diese Tagesetappe. Ich verstand kein Wort des schimpfenden Herbergsbetreuers und merkte nur, dass er mir kein Bett geben wollte. Ein Radfahrer, dem ich auf dem Weg begegnet bin, sprach mit ihm und sagte mir dann: Er denkt, du bist mit dem wenigen Gepäck mit dem Auto unterwegs und willst dir ein Bett erschleichen.

Danach schnappte sich der Betreuer meinen Minirucksack und trug ihn mit zwei Finger tragend vorzeigend durch die Schlafsäle und redete. Ich ging betröppelt hinterher, von den anderen Pilgern komisch angeschaut. Später übersetzte jemand - er sagte mit vielen spanischen Worten: So geht Pilgern. Denke gerade: Meinte er Leben?

© Joachim Klöckner