Zeit

'Zeit ist genug da, du musst sie dir nur nehmen' sagte der Außendienstler des Elektogroßhandels. Vier Wochen war er verschwunden - sein Herz. Es waren die Zeiten, als ich als selbständiger Maschinenbauer 60-80 Wochenstunden arbeitete.

Der Satz blieb in mir, auch wenn ich erstmal keine Möglichkeit sah, mein Leben anders zu gestalten. Ein Ohrspeicheldrüsenmischtumor erinnerte mich, nachts einschlafen bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn das nächste mal. Jahre später änderte es sich dann bei ganz anderem Lebenshintergrund.

Und ich entdeckte Muße. Zuerst zögerlich - das soll Leben sein. Muße schien schlecht angesehen. Genau deshalb machte sie mich Neugierig, ich verband sie mit Gelassenheit und staunte. Ja, da ist was dran, es zog mich weiter in die Richtung. Ich nahm mir Zeit.

Ein Bekannter bat mich, seiner Mutter ins Krankenhaus Weintrauben zu bringen. Die kleinen gelben kernlosen sollten es sein. Ich wohnte damals auf der anderen Straßenseite. Ok, ich holte die Trauben und ging hinüber. Einfach erledigen dachte ich. Doch dann war ich sprachlos als ich die über achtzigjährige Frau sah. Sie strahlte mich an, ich konnte gar nicht anders als zurück strahlen. Sie freute sich riesig und begrub damit meine Verlegenheit. Ich nahm mir Zeit, viel Zeit und sie erzählte und fragte viel. Und immer diese Freude. Wir sahen uns die nächsten Wochen öfter. Und bis heute bleiben zwei Geschenke von ihr: Der Geschmack auf gelassene Zeit und ihre Antwort auf die Frage nach ihrer Freude: 'Ich entschied mich vor einiger Zeit, dass sich meine Mundwinkel nach oben richten.'

Mittlerweile gibt es sehr sehr viele Stunden, die ich mit anderen Menschen bei einem Spaziergang oder einem Cappuccino zusammen war und ihnen wirklich zuhörte. Immer mehr. Und dabei merkte, wie schwierig dies ist, die eigenen Gedanken ziehen zu lassen und ganz präsent zu lauschen. Und die Verbundenheit spüren. Ich genieße diese Zeiten.

Genauso die Zeit für mich wie einfach mal eine lange Strecke gehen, einen Cappuccino trinken und klare Gedanken genießen. Oder mich hinlegen und träumen, manchmal auf einer Parkbank. Oder Geschichten schreiben.

Meine elektronischen Geräte schweigen von 9 bis 9, ich nutze sie statt deren Opfer zu sein. Meine Pünktlichkeit ist, zu früh da zu sein. Geht ganz automatisch auch bei langen Wegen vorher.

Zeit ist genug da, ich gestalte sie mir.

© Joachim Klöckner