Zuschauer

Berlin ist auch jenseits der politischen Ereignisse an einem Wochenende weltbekannt und in der Stadt wimmelt es durch noch mehr Besucher als sonst. Der Berlinmarathon ist angesagt.

Für die Bewohner mehr eine Nebenerscheinung, klar stehen Hunderttausende an der Strecke und feuern die TeilnehmerInnen an. Doch auch dies geht bei dreieinhalb Millionen Einwohnern unter.

An diesem Sonntag gab es eine Verabredung zum Cappuccino und ich machte mich auf dem Weg. Dabei kreuzte ich die Laufstrecke, was durch eine Lücke zwischen den TeilnehmerInnen leicht möglich war. Ein paar Straßen weiter war es wieder notwendig doch ich blieb einen Moment stehen, weil in einiger Entfernung eine größere Gruppe LäuferInnen auftauchte. Neugierig ansehen, wie sie bei ungefähr halber Strecke an diesem warmen Tag aussahen.

Zuerst bemerkte ich, dass es bei den Zuschauern einen Moment der Stille gab, um dann noch lauter zu werden. Diese kleine Veränderung kam auf mich zu. Dann sah ich vor der Gruppe eine Frau und ein Mann laufen, die gleiche Farbkombinationen trugen, meist üblich bei Paaren. Ich schätze sie auf über 50 Jahre. Mein Blick fokussierte sich, da war etwas besonderes. Und dann sah ich diese Freude in ihren Gesichtern und auch ihre Leichtigkeit beim Laufen. Unglaublich und unbeschreiblich nach dieser Distanz und Wärme und im Vergleich zu den anderen LäuferInnen.

Mir wurde klar, dass der deutlich Applaus, die Jubelrufe und das Trommeln besonders ihnen galt und bemerkte dann einen kurzen Strick zwischen ihren Handgelenken. Spontan kamen mir die Tränen, so richtig das ein Taschentuch nicht reichte. Wie jetzt gerade, denn nach über zehn Jahren berührt es mich noch immer.

Ich freute mich sehr, dass die Beiden diese Begeisterung bei den Zuschauern, die sie auslösten, hören konnten. Sehen konnte er sie nicht.

Diese Tränen, die da so unkontrolliert fließen, wurden mir das erste mal beim Vorlesen von Märchen für meinen Sohn bewusst. Immer bei deren glücklichem Ausgang schluchzte ich, trocknete die Augen um noch etwas sehen zu können und mein Sohn sah mich erstaunt an. Ich solchen Momenten mag ich alleine sein.

Bild: an der Strecke - später

© Joachim Klöckner