008 Lasst ihn noch ein Bisschen hängen!

Wir hatten eine sehr bewegte und lehrreiche Sommersaison im Mittelmeer hinter uns gelassen, als wir gegen Ende September in den Bezzina Ship Yard einliefen.

Vor unserer Überfahrt über den Atlantik mit dem Ziel die Karibik, hatten wir 2 Wochen eingeplant um unsere "Sirius", auf Vordermann zu bringen. Die Mechaniker beschäftigten sich im Maschinenraum, unsere Köchin und die Stewardess planten unsere Verpflegung für die große Reise. Die Werftarbeiter waren von der ersten Stunde im Ship Yard an, damit beschäftigt bei unserem rostigen Frischwasser Tank, eine neue Schott Wand ein zu setzen. Unser sonst hell blaues Deck war nun bedeckt von einer dreckigen Rost-brühe.

Mein Job war es, am Hauptmast die Wanten (Stahlseile die den 36 M hohen Mast halten) aus zu tauschen. Bis auf 35,5 M konnte ich mit einer großen elektrischen Winde hochgezogen werden. Ich saß gesichert, im so genannten Bootsmanns Stuhl. Die restlichen Zentimeter musste ich auch die schweren Wanten (Stahlseile) mit einem kleineren Flaschenzug,manuell hoch ziehen. Diese Arbeit dauerte schon mehrere Tage an, als mein Freund Matthias zu uns stieß, weil er mit uns den Atlantik überqueren wollte. Den Job auf der Florette, hatte er in Marselle beendet. Gerüchten zu folge, gab es dort nur noch eine reine Frauen Crew, außer dem Kapitän natürlich.

Matthias und Jan ein schwedischer Student, der auch für die Atlantik Überquerung an Board gekommen war, bedienten die Winde. Jan hatte das lose Ende des Flaschenzuges, an dem ich hing, in seinen Händen. Matthias betätigte den Ein/ Aus- Schalter. Wenn ich dann oben angekommen war, mussten sie nur die Leine belegen (festmachen). Nach dem zusätzlichen Sichern meinerseits, oben am Mast, verrichtetet ich meine Arbeit auf 36 M .

Es war wieder einmal Zeit für unsere Kaffee Pause. Meine Jungs an Deck ließen mich langsam herunter.Ich lies sie dann im oberen Drittel stoppen , weil ich noch eine mangelhafte Stelle gefunden hatte. Jan war wahrscheinlich nicht ganz bei der Sache, auf alle Fälle lies er die Leine los, an der mein Leben hing. Für mich lief nun alles in Zeitlupe. Ich rauschte mit Vollgas einem schmerzvollen Tod entgegen. Jan schaute verdattert durch seine John Lennon Brille, als Matthias das durchrauschende Seil, mit einer Hand packte und mit einem lässigen Schwung um einen Bremshebel der Winde legte. Mein fast freier Fall, war so circa auf Höhe von 7 M über Deck, abrupt beendet.

Mein Körper brauchte eine Weile, bis das Adrenalin dort angekommen war, wo es einen maßlosen Wutanfall bei mir verursachte. Wenn sie mich gleich vom Mast runtergeholt hätten, wäre ich Jan sicher angesprungen. Aber Kapitän Paul veranlasste zu Sicherheit aller, dass sie mich noch ein Wenig zappeln lassen sollten. Ich bekam sogar meinen Kaffee und die Kekse oben am Mast.

Ich bin mir nicht mehr sicher , ob ich mich jemals gebührend für meine Lebensrettung, bei Matthias bedankt habe? Darum widme ich diese Story, Matthias, einem meiner besten Freunde. Danke!

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© Jochen Feuerstein