Würde ich bereuen es nicht getan zu haben?

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Würde ich bereuen es nicht getan zu haben? | story.one

Da war er wieder, der seltsame Kloß im Hals. Er wurde immer größer und mein Gesicht immer bleicher. Er schnürte mir die Kehle zu. Es war im Mai 2019, als ich mit meinem Freund Johannes im Prater war. Seit Tagen hatte ich mich darauf gefreut. Und jetzt war es endlich soweit. Aber anstelle es zu genießen, stand ich mit bleichem Gesicht und schlotternden Knien vor dem Karussell. In meinem Kopf kämpften Angst und Mut heftig gegeneinander. Die Angst wollte nicht, dass ich auf das Karussell steige, sie fand, es sei viel zu gefährlich. Der Mut hingegen protestierte. Er fand, ich würde es bereuen, es nicht zu tun. Mein Mut fand das Karussell irre cool und total lustig. Die Angst zeichnete Bilder von kaputten Ketten, die reißen würden. Der Mut fand die Angst ziemlich albern. Er malte Bilder von strahlenden Kindern, die fröhlich jauchzend durch die Luft gewirbelt wurden. Ich fand das Bild vom Mut sehr toll und beschloss, ihm zu vertrauen. Ich bestieg das Karussell. Es begann sich zu drehen und wurde immer schneller. Die Sessel, die an den Ketten hingen, wurden durch die Zentrifugalkraft schon leicht nach außen gedrückt. Mir gefiel es immer besser. Dann begann es, sich rasend schnell zu drehen, die Sessel flogen immer höher. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte meinen Körper. Es wurde nicht nur von dem angenehmen „Fahrtwind“ und dem Gefühl, zu fliegen verursacht, sondern auch davon, dass wir – Johannes und ich – das gemeinsam genießen konnten. Es gefiel mir so gut, dass wir noch drei Mal mit dem Karussell fuhren.

Ähnlich erging es mir beim Schifahren: die leichte Piste flitzte ich schon mit den Stöcken unter den Armen in Abfahrtshocke hinunter. Als ich dann aber die mittelschwere Piste in Angriff nehmen wollte, war es wieder der Kloß im Hals, der versuchte, mich davon abzuhalten. Zum Glück war auch da der Mut stärker, denn die schwierigere Piste war schlussendlich viel cooler zu fahren, als die leichte.

Oder aber bei meiner ersten Lesung vor richtigem Publikum. Es war auf der Buch Wien, als ich im November 2019 aus meinen beiden Büchern lesen durfte. Bevor es soweit war, war er wieder zur Stelle, der Kloß. Aber auch damals siegte der Mut und es fühlte sich wunderbar an.

Warum ich glaube, dass es wichtig ist, die Angst zu besiegen? Wenn man seine Träume verwirklichen will, muss man mutig sein. Ich will später mal Forscher werden. Als Forscher braucht man sicher viel Mut. Und deswegen ist es wichtig, dass ich bereits jetzt schon meinen ‘Mutmuskel‘ stärke. Wie ein Sportler, der seinen Bizeps trainiert, um stärker zu werden, trainiere ich meinen 'Mutmuskel', um die Angst zu besiegen, coole Sachen zu erleben und Neues zu erfahren. Denn schließlich soll mein Mut keine Angst davor haben, ich könnte bereuen, etwas nicht getan zu haben.

Joel Meyer, 9 Jahre

© Joel Meyer