Abgetanzt!

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Abgetanzt! | story.one

Michael war seit Wochen in der Szene. Er schien gut drauf zu sein. Heute hatte er bereits mehrere dieser Tabs genommen und tanzte buchstäblich auf dem Vulkan. Aber die Euphorie hielt nicht an. Um drei Uhr früh begann das Strychnin, von dem er nichts wusste, das tödliche Geschäft. Michaels Blick trübte sich. Bald darauf sah er gar nichts mehr und stürzte wie ein gefällter Baum auf die Tanzfläche. In diesem Zustand hatte er den Eindruck, als beugten sich plötzlich mehrere Ungeheuer über ihn, die ihn mit Riesenmäulern verschlingen wollten. Er ging buchstäblich durch die Hölle, hatte Panikattacken, übergab sich vorne und hinten, stank nach Urin und Kot. Schließlich verlor er das Bewusstsein.

Zwei Kumpel, mutmaßlich ebenfalls high, brachten ihn nach Hause, wo sie ihn ins Bett legten. Danach setzten sie sich schleunigst wieder ab. Nur fort – fort – fort, war ihr Streben. Einem solchen Grauen hatten sie noch nie ins Auge geblickt.

Im Lokal nahm kaum ein Gast von dem Ereignis Notiz. Nur der Kellner Rolf hatte das Geschehen beobachtet und dem Chef gemeldet, der sich Sorgen machte, denn der hatte Michael den Stoff verkauft. Nun lag Michael hilflos in seinem Zimmer. Mehrmals kam er noch zu sich, hatte Schaum vor dem Mund, rang nach Luft, übergab sich, machte neuerlich ins Bett und roch die eignen Exkremente. Sein armseliges Sterben dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Am nächsten Morgen, als sein Mitbewohner nach Hause kam, war Michael tot. War abgetanzt von dieser Welt. „Zell 2 von Zell!“, hörte man im Sprechfunk.„Hier Zell 2!“„Bedenklicher Todesfall. Ein junger Mann in Neudorf Nr. 3. Fahren Sie hin!"„Zell 2 verstanden … sind schon unterwegs.“

Als die Streifenbeamten in Erfüllung ihres Auftrages am Tatort eintrafen, hatten Sprengelarzt und Rettung ihre Arbeit bereits erledigt. Für sie gab es in diesem Fall nicht mehr viel zu tun. Der tote junge Mann hatte nur noch zehn Grad Körpertemperatur. Nun war die Gerichtsmedizin am Zug. Michael wurde in einem Blechsarg dorthin überstellt. Die Gendarmen versiegelten das Zimmer, fuhren zur Dienststelle, verfassten den ersten Bericht und stellten im Zuge dessen fest, dass der Mann bereits einmal einschlägig aufgefallen war. Erst kürzlich hatten ihn Kollegen wegen Drogenbesitzes angehalten. Aus seinen Taschen waren fünf Gramm Crack zum Vorschein gekommen. Sie hatten ihn anschließend verwarnt und wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Anzeige lag unterschriftsreif vor, aber dieser Aufwand hatte sich nun von selbst erledigt.

Drei Tage waren vergangen, als auf dem Gendarmerieposten das Ergebnis der Obduktion einlangte. Wie nicht anders zu erwarten war, hatte die Chemie zugeschlagen. Designerdrogen aus den Niederlanden hatten Michael das Leben gekostet. Eine Woche später wurden die zwei Kumpel Michaels ausgeforscht. Bereits bei der ersten Vernehmung sangen sie laut und vernehmlich; über Technopartys, Suchtgiftkonsum und ihre Lieferanten.

© Johann Jäger 11.04.2019