ALZHEIMER WAR ES NICHT

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ALZHEIMER WAR ES NICHT | story.one

Gutes Personal ist immer gefragt. So verwundert es auch nicht, dass jeder Dienststellenleiter versucht, an tüchtige Mitarbeiter zu kommen. Das ist im öffentlichen Dienst wie in der Privatwirtschaft dasselbe.

Die erste Gelegenheit, sein Talent zu zeigen, kam für einen meiner jungen Gendarmen– wir wollen ihn Franz Berger nennen - bereits vierzehn Tage nach seinem Dienstantritt in Zell am See: Und er nützte die Chance gründlich, als eine alte Frau nach der Exekutive verlangte. Sie erschien auf dem Posten und erzählte, ihr Sparbuch mit Losungswort und einer Einlage von fünfzigtausend Schilling sei auf unerklärliche Art und Weise aus der Wohnung verschwunden.

„Solche Fälle ereignen sich bei älteren Leuten laufend“, flüsterte der Kollege Franz, als sich die Dame kurz entfernte. Sie musste ja auch nicht unbedingt mithören. „Einmal geht es um Schmuck, das andere Mal um Bargeld oder Sparbücher. In der Regel sind die Dinge nur verlegt oder so gut aufbewahrt, dass sie niemand, nicht einmal der Eigentümer selbst, findet. Wenn wir dann an gängigen Orten suchen, entdecken wir die Wertgegenstände fast immer. Alzheimer lässt grüßen! Und das wird wohl auch diesmal so sein. Wer weiß, wie lange wir selbst davor gefeit sind, wenn wir alt werden?“

Der Kollege irrte sich. Trotz intensiver Suche fand sich nämlich keine Spur von dem Büchlein, obwohl mehrere Mitarbeiter die ganze Wohnung auf den Kopf stellten und an allen möglichen wie auch unmöglichen Orten suchten, ja sogar hinter der Klosettmuschel nachsahen. Sie fanden nichts, rein gar nichts! Bei genauer Befragung der verzweifelten Frau kamen allerdings interessante Aspekte zutage.

„Ich hatte drei Tage Besuch von einer Nichte, die mir manchmal etwas zur Hand geht und Hausarbeiten macht“, berichtete sie schließlich so nebenbei. „Aber die“, winkte sie sofort ab, „kommt nicht in Frage. Da lege ich meine Hand ins Feuer. Allerdings, mit dem Geld kann sie nicht besonders gut umgehen. Und ein Geständnis muss ich Ihnen auch noch machen, meine Herren. Ich habe das Losungswort auf einem Zettel aufgeschrieben. Kann sein, dass dieser Zettel im Sparbuch lag!“

„Was soll ich? Ein Sparbuch mitgenommen haben?" fragte die junge Frau. "Ich doch nicht! Mir so eine Frage zu stellen ist verrü ...“, unterbrach sie sich im letzten Augenblick selbst, um die Gendarmen nicht herauszufordern.

Berger verbiss sich in den Fall. Ließ nicht locker. Wollte eine Klärung. Schließlich ging es auch um seine Zukunft und der erste Eindruck, den seine Arbeiten hinterließen, konnte von entscheidender Bedeutung sein.

Als die Beamten mit der Durchsuchung der ersten Schränke bei ihr begannen, fiel Berger auf, dass die Verdächtige, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, immer wieder mit ängstlicher Mimik auf den in der Küche lehnenden Staubsauger sah. Diese Blicke und die kriminalistische Kombinationsgabe führten zum Erfolg. Im Gerät verborgen, fand sich kurz darauf fast der gesamte vom Sparbuch abgehobene Betrag.

© Johann Jäger 18.02.2020