DER ANSCHLAG

Anfang der Sechzigerjahre eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Südtiroler Freiheitskämpfern und Italienern derart, dass es auf beiden Seiten zu Toten, Verletzten und enormen Sachschäden kam. Als dann auch noch ein tödlicher Anschlag auf eine Saline erfolgte, sank das Sicherheitsgefühl unserer Bürger immer mehr.

An einem Dienstagmorgen löste der Fahrdienstleiter in Zell am See Alarm aus. Wie er schilderte, habe er soeben einen Zug abgefertigt und anschließend feststellen müssen, dass auf der Gleisanlage ein kleiner Koffer stehe, aus dem Geräusche kämen, die sich wie das Ticken einer Zeitbombe anhörten. Er befürchte einen Sprengstoffanschlag und habe daher alle Fahrgäste aufgefordert, das Bahnhofsgelände sofort zu verlassen. „Alarm! Alarm!“ Mit diesen Rufen rannte der Journaldienst den Gang des Gendarmeriepostens entlang und forderte die anwesenden Beamten auf, sich sofort zu bewaffnen und auszurücken. Das Kommando übernahm Bezirksinspektor Franz Mut, der schon oft in der Vergangenheit gefährliche Einsätze erfolgreich geführt hatte. Er eilte, so schnell er konnte, voraus zum Einsatzort. Seine Begleiter sperrten den Zugang zum gesamten Areal. Vom Journaldienst wurde vorsorglich ein Rettungswagen angefordert. Der Bahnhofsvorstand beobachtete durch das Fenster, was die Gendarmen nun unternahmen.

Bezirksinspektor Franz Mut schritt, wie bei ihm üblich, sofort zur Tat. Er näherte sich vorsichtig dem gefährlichen Koffer. Als er schon aus einer Entfernung von einem Meter das bedenkliche Tick - Tack in verschiedenen Rhythmen hörte, war für ihn alles klar: Wie ein geölter Blitz sprang er vor, schnappte den Koffer, lief über das letzte Gleis Richtung See und schleuderte das gefährliche Objekt in weitem Bogen über die dortige Hecke. Noch ehe er den Aufschlag und das anschließende Rumpeln auf der Seepromenade hören konnte, lag er bereits zwischen den Schienen der Gleisanlage auf dem Bauch in Deckung und wartete auf eine heftige Explosion. Nur - es geschah nichts. Er konnte es kaum glauben. Keine Explosion! Mut lag bereits fünf Minuten und noch immer war nichts passiert.

Plötzlich kam der Fahrdienstleiter - heftig winkend - aus seinem Dienstraum und schrie, so laut er konnte: „Aufhören! Kein Anschlag! Kein Anschlag! Der Besitzer hat angerufen! Er hat den Koffer beim Einsteigen vergessen!“ Mut knirschte mit den Zähnen und wartete zu.

Herr Groß, ein eleganter Handelsreisender für Uhren , traf kurz darauf mit dem Gegenzug ein. Er nahm das desolate Relikt mit betroffenem Gesicht entgegen, entschuldigte sich gestenreich und meinte: „Hab einer betagten Dame in den Zug geholfen und dabei meine Kollektion vergessen. Als ich es bemerkte, war der Zug bereits abgefahren. Die Hälfte der Uhren wird wohl kaputt sein, aber ich nehme den Schaden selbstverständlich auf meine Kappe.“

Bezirksinspektor Mut und der Fahrdienstleiter stimmten ihm erleichtert zu.

© Johann Jäger