DER PRIVILEGIERTE KREIS

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DER PRIVILEGIERTE KREIS | story.one

Siegbert, dem abgebrannten Gastronomen, war sein wichtigstes Angebot ausgegangen. Seither wartete er Tag für Tag auf den Lieferanten, aber der meldete sich nicht, obwohl Siegbert ihn auf die Dringlichkeit der Lieferung hingewiesen hatte. Es ging dabei um Produkte, die das Tageslicht scheuten. Die von den Mitgliedern des privilegierten Kreises aber hoch geschätzt wurden. Deshalb war das heruntergekommene Lokal auch an mehreren Abenden in der Woche gut besucht, was Siegbert über Wasser hielt. LSD und den anderen billigen Scheiß besaß er zwar noch in eingeschränktem Maße, aber der war von guten Kunden nicht begehrt.

Siegbert war verzweifelt, denn zusätzlich machte ihm seine Gesundheit Sorgen. „Hätt‘ ich doch wenigstens für mich ein paar Gramm “, stöhnte er, aber so tief er auch seufzte, an seiner Lage änderte sich nichts. Der Gasthof ging schlecht. Beim „Gift“ allerdings, da hatte er sich einen guten Namen gemacht. In einem Extrastüberl wurde es diskret verkauft und im Klosett gespritzt. Zug um Zug hatte sich auf diese Weise ein privilegierter Kreis Gleichgesinnter gebildet. Erst eine Woche später traf die Lieferung ein.

Gegen Mitternacht war die Party voll im Gange. Manche lagen mehr in ihren Lehnsesseln als sie saßen. Su – zum ersten Mal dabei - tanzte wie wild. Immer hektischer wurden ihre Bewegungen und immer mehr Schaum trat vor ihren Mund. Harry, der Assistent Siegberts, sagte: „Ich fürchte, bei Su hast du dich vertan.“ „Vertan? Das kann ich mir schwer vorstellen. Aber es ist eine neue Ware. Weiß der Teufel? Vielleicht ist sie unrein oder zu stark?“ Kaum hatte Siegbert ausgesprochen, sackte das Mädchen urplötzlich zusammen und blieb gekrümmt auf dem Boden liegen. Der Gastronom lief hin und versuchte das elende Bündel Mensch aufzurichten, aber sie hing nur schlapp in seinen Armen. „Mädchen!“, jammerte er. „Mach uns keinen Kummer! Mach keinen Scheiß!“

Harry sah ihre verdrehten Augen und fühlte den schwachen Puls. „Wir müssen Hilfe holen!“ sagte er mit hysterischer Stimme. „Und zwar rasch, sonst ist sie hinüber!“ „Bist du verrück? Das müssen wir anders lösen!“

Sie schleppten die Ohnmächtige ins Auto und fuhren zum nächsten Krankenhaus. „Dort wird sich schon eine Lösung finden, wie wir sie los werden“, sagte Siegbert während der Fahrt. Ein unglaublicher Zufall: Die Eingangshalle war leer; der Pförtner auf den Klosett. „Komm, wir legen sie vor die Glastür! Dann hauen wir ab“! Als der Pförtner unmittelbar darauf zurückkam, fand er mit Schrecken das bewusstlose Mädchen, sah aber auch das wegfahrende Auto, dessen Kennzeichen er gerade noch ablesen konnte. Ärzte und Schwestern hatten die ganze Nacht zu tun, um Su vor dem Tod zu retten.

Die Party war noch immer voll im Gange, als schlagartig mehrere Streifenwägen beim Lokal vorfuhren, die Gendarmen dem Treiben ein sofortiges Ende bereiteten und Siegbert einen längeren Aufenthalt im Knast verschafften.

© Johann Jäger 10.05.2019