EIN SCHLECHTER TAG

Wir mussten um 08.00 Uhr zu einem schweren Verkehrsunfall ausrücken, der sich auf der Freilandstraße zugetragen hatte. Als wir an der Unfallstelle ankamen, trafen wir auf eine fast irreale Situation :

Zwei Personenkraftwagen waren auf gerader Fahrbahn mit vermutlich je 100 km/h frontal zusammengestoßen. Einer der Fahrzeuglenker, der allein in einem schweren PKW saß, hatte bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Auf der Fahrt zur Arbeit war er dann wegen Restalkohols und Sekundenschlafes auf die linke Straßenseite geraten und dort mit einem Kleinwagen kollidierte. Wie oft in solchen Fällen, hatte der Lenker des großen Fahrzeuges nur geringe Verletzungen erlitten, während die zwei Insassen des entgegenkommenden Wagens auf der Stelle tot waren. Über den Zustand ihrer Körper möchte ich mich nicht verbreitern. Alle Einsatzkräfte standen angesichts des unfassbaren Ereignisses unter großem Schock.

Ich hatte als stellvertretender Postenkommandant den Einsatz zu leiten, und es galt, alle weiteren Gefahren abzuwenden sowie bei der Spurensicherung akribisch zu arbeiten, um das weitere Verfahren zu sichern. Meine Mitarbeiter hatten soeben mit den Arbeiten begonnen, da sah ich, wie ein älterer Mann mit zuckenden Bewegungen und verzweifeltem Gesichtsausdruck in Richtung Unfallstelle wankte. Sofort ahnte ich, es könne sich um einen engen Angehörigen der Unfallopfer handeln und rief einem Mitarbeiter zu, er solle mir folgen. Beide rannten wir los. Meine Vermutung stellte sich sofort als richtig heraus. Wir hielten den armen Großvater mit ausgebreiteten Armen auf und redeten ihm gut zu, nicht zu seinen toten Enkeln zu gehen. Zuerst versuchte er sich loszureißen, aber wir gaben nicht nach und redeten immer wieder auf ihn ein. Schließlich fing er bitterlich zu weinen an und sein Widerstand erlahmte. Ich habe in meinem Leben nur wenig Menschen gesehen, die einen so tiefgehenden seelischen Schmerz in sich tragen mussten. Deshalb übergaben wir ihn anschließend zwei Mitgliedern des Roten Kreuzes .Die Toten wurden vom Bestattungsunternehmen abtransportiert. Ich bin heute noch froh, dass wir den armen Mann abfangen konnten und ihm den Anblick dessen ersparten, was von den abgetrenten Körperteilen seiner Enkel herumlag.

Der aktive Beruf eines Gendarmen war für mich sehr vielseitig: manchmal humorvoll, dann wieder sehr ernst, oft aber erfolgreich und befriedigend. Manchmal allerdings auch grässlich, wenn wir mit Toten oder Schwerverletzten zu tun hatten. Und öfter als erwünscht war die Arbeit auch mit großer Gefahr verbunden. Dann kam es wiederholt vor, dass mir die vorangegangenen Erreignissen den nächtlichen Schlaf raubten.

Alles in allem gesehen hat es mir jedoch - so wie dem Großteil meiner Kollegen - über Jahrzehnte viel Freude bereitet, als Exekutiveorgan für die Mitbürger tätig zu sein. Deshalb bleibe ich auch noch im Ruhestand ein begeisterter "Gendarm."

© Johann Jäger