Zwei verschiedene Welten!

Der vom Journaldienst des Gendarmeriepostens Zell am See ausgesandte Funkspruch erreichte uns nach Mitternacht. Ein verdächtiges Auto stand hinter dem Haus eines Juweliers, bei dem unbekannte Täter bereits dreimal nachts eingebrochen und fette Beute gemacht hatten.

Nach dem Einbiegen in die schmale Stichstrasse, die zu einem schwach beleuchteten Hinterhof führte, schaltete mein Kollege Maier, der am Lenkrad saß, aus alter kriminalistischer Gewohnheit das Licht aus. Trotzdem sahen wir sofort, dass am Ende der Zufahrt ein verdächtiger Wagen stand. Es war ein Cabrio.

Wir stellten sofort den Motor unseres Dienstfahrzeuges ab, stiegen leise aus, schlichen an den Hauswänden entlang und näherten uns dem verdächtigen Auto, ohne dass die Insassen dies registrierten.

Bald bekamen wir einen Überblick: Im offenen Cabriolet lag ein unbekleidetes Paar. Die Bewegungen und Geräusche waren eindeutig, denn die Hauptdarsteller trieben es mehr als heftig und wurden immer lauter.

„Wie schön muss Liebe unter freiem Himmel sein? Eigentlich ein Wunder, dass es so wenig Kinder gibt, bei dem Stoßverkehr, der sich nächtens hier so abspielt“, flüsterte mir mein Begleiter zu und lachte. Derlei Situationen sind bei Nachtdiensten von Exekutivorganen nämlich alles andere als ein Einzelfall – sie geschehen immer wieder.

„Wenn dir die Sache schon so gefällt, dass du dich gerne diskret zurückziehen möchtest", flüsterte ich ihm mit leichtem Tadel in der Stimme zu,„dann solltest du dir wenigstens die Kennzeichennummer aufschreiben. Falls vielleicht an der Sache doch etwas faul sein sollte. Man weiß ja nie." Daraufhin lachte er kurz wieder und meinte:"Ja, das mache ich, aber für die Einbrüche kommen diese Personen nicht infrage, das kann ich garantieren, denn ich kenne sie und weiß auch, wem von ihnen das auffällige Cabrio gehört. Wundern tu ich mich bloß über den Mut der Frau zu diesem fast öffentlich zur Schau gestellten Seitensprung."

Als wir das Kennzeichen des Cabrios vorschriftsmäßig samt Datum, Uhrzeit und Ort der Wahrnehmung notiert hatten, schlichen wir zu unserem Wagen zurück und berichteten dem Journaldienst über den Sachverhalt. Dann fuhren wir zu einem höher gelegenen Parkplatz zu einer kurzen Rast.

Dort war "Natur pur" daheim. Eine herrliche Stelle. Anders als in der düsterer Welt unserer Verbrecherjagden, hatte dieses Fleckchen Erde enorm idyllische Seiten: Man roch den nahen Wald, hörte die nächtlichen Geräusche der Natur samt Vogelgezwischer und sah hinter den aufsteigenden dunstigen Schwaden die sich im Wasser spiegelnden Lichter der Stadt . Dabei unterhielten wir uns noch einmal vergnügt über "die Caprioten."

Eine halbe Stunde später wurden wir allerdings von der Zentrale in eine andere Welt geführt. Ein betrunkener Mann hatte im Stadtzentrum nach einem Streit zwei Burschen mit einem Messer schwer verletzt und war geflüchtet. Ihn galt es nun so rasch wie möglich zu finden. Der harte Alltag hatte uns wieder.

© Johann Jäger