GENDARMENURLAUB

Vor vielen Jahren verbrachten meine Frau und ich gemeinsam mit unseren Freunden Maria und Franz, der ebenfalls Gendarm war, einen Kurzurlaub in Rom. Dabei waren wir von morgens bis abends auf den Beinen, um möglichst viel zu besichtigen. Das Kolosseum, das Pantheon und das Forum Romanum hatten wir am zweiten Tag unseres Kurzurlaubes bereits hinter uns gebracht. Gegen 16.00 Uhr geschah es dann: Wir gingen gerade höchst zufrieden und plaudernd durch die Via Virgilio, um zum Hotel zurückzukehren, da bemerkte Franz, dass seine Frau ca. 20 Meter zurückgeblieben war. Ein dunkler Audi war links zugefahren und ein Mann führte mit Maria bei geöffnetem Fenster ein Gespräch. Franz machte sofort eine Kehrtwendung und eilte zurück. Das gesunde Mistrauen, das in jedem Gendarmen schlummert, und die Sorge um seine Frau waren gleichzeitig erwacht. Man weiß ja schließlich, was im Ausland alles passieren kann und es gab auch keinen plausiblen Grund, warum ein Römer eine Touristin um den Weg oder ähnlich Banales fragen sollte.

Wie wir erst etwas später erfuhren, hatte der Fahrer des Wagens, ein außerordentlich attraktiver Vierzigjähriger, neben Maria angehalten und sie durch das geöffnete Fenster in relativ gutem Deutsch angesprochen: „Entschuldigen Madame! Ich habe ein Problem. Meine Geldbörse ist gestohlen worden. Geben Sie mir dreihundert Schilling! Sie bekommen dafür eine meiner neuen Damenlederjacken. Genau Ihre Größe.“ Er zeigte ihr beim geöffneten Fenster ein originalverpacktes Kleidungsstück, oben Klarsichthülle, unten Karton. In Marias Mimik zog Begehrlichkeit auf und sie stimmte zu, das Kleidungsstück zu kaufen. „Hundert Schilling, mehr nicht!“, ging Franz, der bei seiner Frau eingetroffen war, energisch dazwischen. Außerdem muss die Größe stimmen!“ Um das Verfahren abzukürzen, nahm er den Geldschein gleich in die Hand.

Plötzlich langte der Italiener aus dem Fenster und riss Franz die Hundert-Schilling-Banknote sowie Maria die Geldbörse mit etwa dreitausend Schilling aus der Hand. Gleichzeitig heulte der Motor des Autos auf. Franz konnte den linken Arm des Gauners im letzten Augenblick gerade noch abfangen und ihm die Geldbörse entreißen, als das Fahrzeug davonraste. Gleichzeitig wurde wie von Geisterhand aus dem offenen Fenster ein Paket geworfen, das auf dem Gehsteig landete. Als Maria den Karton öffnete, kam eine Lederjacke zum Vorschein, die eigentlich keine wirkliche war, denn aus Leder bestand nur jener Teil, der durch die Klarsichthülle zu sehen war. Der Rest bestand aus billigstem Stoff . Wir nahmen das Ereignis alle mit Gelassenheit, hakten uns ein und gingen weiter, im Bewusstsein, dass es auf den Straßen Roms alles andere als heilig zugeht.

Abends, in der Bar, zeichnete ich meinen Freund für seinen blitzschnellen Zugriff mit einem großen Orden aus. Den Stern aus Zuckerguss hatte ich vorher in einer Konditorei erworben.

© Johann Jäger