DAS ALTE HAUS

1973: Die betuchte Erbin eines Industriellen, Luise, bewohnte trotz ihres hohen Alters das große Objekt über der Stadt ganz allein. Sie hatte ein ausgesprochenes Fable für Krimis und Horrorfilme, obgleich es ihr immer schwerer fiel, die Realität und filmische Szenen auseinanderzuhalten, wobei sie dann von furchtbaren Ängsten geplagt wurde. Auch heute war es wieder einmal so weit. Während im TV-Krimi der Mörder das Schloss aufbrach, ins Haus eindrang, durch dunkle Gänge tappte und immer näher und näher kam, verlor Frau Luise die Nerven. Sie stemmte sich mühsam empor, eilte humpelnd zum Telefon und wählte jene Nummer, die in letzter Zeit zur wichtigsten in ihrem Leben geworden war.

Es klingelte. „Gendarmerieposten! Notruf!“ „Hallo! Hier ist Frau Luise vom Haus am Stein.“ Oh Gott, dachte der Inspektor. Uns bleibt doch nichts erspart. Bin neugierig, was sie uns heute wieder auftischt. "Herr Inspektor“, begann sie zu flüstern, „vor meinem Haus sind Einbrecher oder Räuber oder gar Mörder. Bitte schicken sie sofort die Funkstreife! Ich fürchte, es geht für mich um Leben und Tod."

Der Funkspruch des Journaldienstes erreichte die Streifenbeamten und es war ihnen sofort klar, dass es sich um keinen echten Einsatz handeln würde, sondern nur um einen, der einem beruhigenden Smalltalk diente, denn fast jeder von ihnen hatte manchmal ein Viertelstündchen seines Nachtdienstes bei der alten Dame verbracht. Wenn sie wieder wegfuhren, wirkte sie dann gradezu glücklich über den Besuch der bewaffneten Staatsgewalt, von der sie so bravourös beschützt wurde. Und auch dieses Mal war es nicht anders. Fairerweise muss man allerdings dazusagen, dass die Frau noch sehr rüstig war und ihren Lebensabend nach wie vor allein zu bewältigen wusste. Empfehlungen, einen Aufenthalt im Pensionistenheim ins Auge zu fassen, wurden von ihr stets strikte zurückgewiesen .

Schon deshalb brachte es niemand von uns übers Herz, einen solchen "Kurzbesuch" abzulehnen, vorausgesetzt, dass es die dienstlichen Ereignisse des jeweiligen Abends erlaubten. Auf der Fahrt Richtung Stadtzentrum wieder in ihrem Funkwagen sitzend, diskutierten die Beamten über den Ablauf der Begegnung mit der alten Frau. Dabei kam ihnen die Erkenntnis, woher das Sprichwort vom „Freund und Helfer“ kam, das immer wieder zitiert wird:

Es stammte sicher nicht nur von den großen Schlachten gegen das Verbrechen, die man verlor oder siegreich beendete. Nein! Eher spielten auch die unzähligen kleinen Zuwendungen und Hilfen wie heute eine bedeutende Rolle. Bei denen Sicherheitsorgane zu unwichtig scheinenden Terminen fahren, geduldig zuhören, und es ihnen anschließend gelingt, Ängste und Sorgen der Bürger ins Nichts aufzulösen sowie den Mitmenschen ihr Leben zu erleichtern.

© Johann Jäger