JA,JA, DER WEIN IS GUAT...

Ein Abend im Spätherbst des Jahres 1965. Zusätzlich zur Dunkelheit erschwerte eine dichte Nebeldecke das Autofahren noch enorm.Wir zogen uns warm an, traten vor die Tür der Dienststelle und stiegen in den Funkstreifenwagen. Unser erstes Ziel war Kaprun, wobei mein Kollege Inspektor Franz Guttensohn den Wagen lenkte.

Im Leben benötigt man fallweise viel Glück, und das hatten wir, denn schon der erste Wagen, der uns entgegenkam und aus der Nebelwand auftauchte, steuerte, den falschen Fahrstreifen benützend, direkt auf uns zu. Es ging um die berühmte Zehntelsekunde, die übrigblieb, und in der es Franz gelang, das Gendarmeriefahrzeug blitzschnell nach rechts reißen. Wir schleuderten. Anschließend war das Glück nochmals auf unserer Seite. Gerade an dieser Stelle hatte die Straßenverwaltung ein Jahr zuvor eine Autobushaltebucht angelegt, auf der Gutensohn den Wagen wieder auf Spur bringen konnte. Ich verständigte über Funk sofort den Gendarmerieposten, schilderte den üblen Sachverhalt und ersuchte, das nächste auf der Straße ankommende Auto anzuhalten. Als wir bei der Dienststelle vorfuhren, hatte der Journaldienstbeamte den Verkehrssünder bereits gestoppt. Dieser stieg aus und ging, leicht schwankend, mit in den Vernehmungsraum. Er war bestens gelaunt und hatte sein Fahrverhalten offensichtlich gar nicht registriert.

„Ich heiße Lindinger. Bin erfolgreicher Vertreter einer Weinfirma und biete Ihnen besten Wein zu Kulanzpreisen an", meinte er. Mein Kollege tat, als habe er das Angebot überhört, und fragte: „Wo waren Sie heute überall und was haben Sie den ganzen Tag getrunken?“ Lindinger antwortete nuschelnd: „Heute war ein überaus erfolgreicher Tag. So viel Wein habe ich selten verkauft. Meine Herren, sie können mir gratulieren.“ Dann zählte er sowohl den verkauften als auch den selbst getrunken Wein penibel auf. Für ihn schien das Ganze eine riesen Gaudi zu sein. Der Inspektor saß daneben und schrieb fleißig mit, wobei er allerdings nur die von Lindinger selbst getrunkenen Weinmengen notierte.

Am Ende zählte Guttensohn alles zusammen und flüsterte mir zu: „Sechzehn Achtel, also 2 Liter in 12 Stunden.“ Nachdem es damals noch keine Alkomaten gab, musste der Sprengelarzt her, der den Fahrzeuglenker nach der klinischen Untersuchung für fahruntauglich erklärte. Erst als wir seinen Führerschein und die Fahrzeugschlüssels an uns nahmen, wurde der Mann aschfahl im Gesicht, schlug mit der Hand auf den Schreibtisch und schrie: „Aba Manda, es werd´s ma do nit weg´n dem Lackerl Wein den Führaschei abnemma?! I muaß jo morgn wieda zu meine Kundn!“

Nach vergeblichen weiteren Protesten stand er schließlich auf und verließ mit unsicheren Schritten den Raum. Zwischen Tür und Angel rief er uns noch zornig zu: „Oiso, an billign Wein von mia, den kennts vergessen. Wenns an Durscht habt’s, dann saufts hoit a Wossa!“ Die Büro-und Haustür fielen krachend ins Schloss.

© Johann Jäger