MEIN ERSTER EINSATZ

Eigentlich war ich damals noch kein richtiger Gendarm. Als ich mich zur Gendarmerie bewarb, hatte das Innenministerium eine vorausgehende militärische Ausbildung festgelegt, die in der Kaserne in Ebelsberg bei Linz stattfand. So wurde ich Mitglied der „B-Gendarmerie“, die auch zur Katastrophenhilfe herangezogen werden konnte.

Am Ostersonntag wurde bei uns in der Kaserene Alarm gegeben. Eine Gruppe von 13 Schülern aus Heilbronn war bei heftigsten Schneefällen am Dachstein nicht in das Hotel zurückgekehrt. Alle in der Kaserne anwesenden Hilfsgendarmen traten auf dem Exerzierplatz an und es wurden jene ausgewählt, die das Schifahren im freien Gelände beherrschten. Ich war natürlich auch dabei. Der Offizier informierte uns über die Situation und erklärte, die B – Gendarmerie sei erstmalig zur Unterstützung der örtlichen Einsatzkräfte angefordert worden. Wir waren über das bevorstehende Abenteuer erfreut. Aus einem Lager wurden wir in kürzester Zeit alpin eingekleidet und ausgerüstet. Im Morgengrauen erfolgte dann mit mehreren Heeres-LKW die Fahrt zum Dachstein. Dort teilte man uns mehreren Suchgruppen zu, über die je ein erfahrener Gendarmerie-Bergführer das Kommando übernahm. Noch am selben Tag stieg unsere Gruppe zur Schönbergalm auf und bezog dort Quartier.

Ab Ostermontag begann auf dem riesigen Karstplateau bei bis zu 3 Metern Neuschnee der schwierige Sucheinsatz. Jede Gruppe hatte täglich ein genau festgelegtes Gebiet mit Lawinensonden zu bearbeiten, weil sich verirrte Personen aus Erfahrung in ihrer Verzweiflung so lang bewegen, bis sie erschöpft liegenbleiben und sterben.

Bei der täglichen Rückkehr von den Einsätzen erwartete uns immer eine ganze Gruppe von Angehörigen und Mitschülern, und wenn wir nur negative Nachrichten überbringen konnten, stieg in ihren Gesichtern nackte Verzweiflung auf.

Abends fielen wir immer hundemüde auf unsere Matratzen. Am Osterdienstag fand eine Suchgruppe ein mit Latschenzweigen bedecktes Lager, das jedoch verlassen war. Nun wurden unsere Einsatzgruppen in einem engeren Bereich konzentriert und weitgehend mit Lawinensonden gearbeitet, was schließlich zum Erfolg führte. So konnten die Abgängigen innerhalb weniger Tage tot aufgefunden werden. Wie sich zeigte, hatte sich die Gruppe in ihrer Angst völlig aufgelöst. Alle hatten sich so lange fortgeschleppt, wie sie konnten, und waren dann an Erschöpfung sowie Unterkühlung gestorben.

Während der gesamten Aktion musste jeder von uns Burschen an seine physischen und psychischen Grenzen gehen, denn das Freischaufeln und der Abtransport der Toten gestalteten sich schwierig. Wir selbst waren auch noch sehr jung und hatten dem Tod in diesem Ausmaß noch nie ins Antlitz geblickt. Obwohl niemand lebend gerettet werden konnte, bin ich trotzdem noch stolz darauf, an diesem Alpineinsatz mit etwa 400 Bergrettern teilgenommen zu haben.

© Johann Jäger