Bergheimer Lagergeschichten: "Ali und..."

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Bergheimer Lagergeschichten:  "Ali und..." | story.one

Vögel, so erklärte der Hauptmann den erschienenen Bandenmitgliedern mit ernster Miene, Vögel haben kein Knochenmark und können daher fliegen. Pferde und Kühe können das nicht, weil sie Knochenmark haben; gleiches gilt für Menschen.

Würde man also, so dozierte er weiter, dieses Knochenmark entfernen, könne man fliegen. Und wenn schon nicht fliegen, so zumindest schweben. Die Entfernung der Substanz aus dem Rückgrat wäre einfach: Man bräuchte dazu nur etwas Mut. Auch Wasser wäre wichtig. Dann eine, besser aber zwei Tabletten Aspirin und ein handliches Messer. Ganz zufällig habe er auf der Suche nach Hühnereiern unter dem Fußboden der Baracke zwölf ein solches gefunden - schlug ein Tuch auseinander und zeigte voll Stolz den Gegenstand: Ein Bajonett. Angerostet, verdreckt. Achtlos weggeworfen, vielleicht auch absichtlich unter der Baracke zwölf versteckt.

Seine Zuhörer waren fasziniert. Weniger von den Ausführungen, vielmehr von dem präsentierten Gegenstand. Blickten diesen genauer an. Zuerst andächtiges, dann nachdenkliches Schweigen. Dann eine Wortmeldung: "Wenn wir uns damit stechen oder schneiden kriegen wir eine Blutvergiftung. Und mein Vater hat gesagt, dass man an einer Blutvergiftung sterben kann!"

Beim dick' Toni wusste man sofort, warum er so genannt wurde: Der dick' Toni war ein "Mann von Bruscht" - also von gewichtiger Statur, um nicht zu sagen, von enormer Körperfülle. Der Schatten den seine Körperfülle warf hätte gereicht, zwei, wenn nicht drei Alis vor jeglicher Sonneneinstrahlung zu schützen.

Warum der dick' Toni ausgerechnet in das Lager Bergheim, zu den Donauschwaben zum Kegelscheiben kam, war ein Rätsel. Er kam regelmäßig, immer an schönen Wochenenden. Er sprach wenig, lachte noch weniger, lauschte versonnen den Akkordeonklängen. Fragen zu Person und Herkunft blockte er förmlich ab.

Meist auf einem, manchmal auch auf zwei stabilen Holzstühlen sitzend, war seine Zielgenauigkeit und seine Treffsicherheit verblüffend. Die Wucht, die hinter seinen Schüben steckte war legendär, von den Kegelbuben gefürchtet, ja, ihnen sogar Angst machend. Der dick' Toni hatte seine Lieblingskugel - eine mittelgroße, solide Vollholzkugel, gedrechselt aus Eichenholz - die ihm nach jedem seiner Schübe persönlich übergeben werden musste; zeigte sich dafür aber ausgesprochen spendabel.

Im Spätherbst wurden die Schäden an Bahn, Kugelfang und Kugelrücklauf ausgebessert, die Bahn eingewintert. Für Mai war die Eröffnung der Kegelsaison geplant, der stabile Holzstuhl für den dick' Toni bereitgestellt. Doch der kam nicht. Er kam nicht am ersten schönen Wochenende im Mai, nicht am zweiten schönen Wochenende; er kam an keinem Wochenende mehr. Der Holzstuhl, direkt an der Kugellaufbahn aufgestellt, war manchmal hinderlich, aber niemand störte sich ernsthaft daran. Respektvoll wurde ein Bogen herum um Stuhl und Platz gemacht - so, als wenn der dick' Toni noch anwesend wäre.

© Johann März 01.12.2019