Bergheimer Lagergeschichten: "Finale"

Bergheim, Ende Oktober 2019:

*27.9.1933 Sentiwan +18.2.2019 Melbourne steht auf der kleinen, schwarzen Marmortafel- obwohl es eine Ortschaft mit dem Namen Sentiwan nie gegeben hat. Die amtlichen Namen waren Priglevica Szent Ivan, Bacszentivan, Prigr. Sv. Ivan, Sonnhofen, Batschsentiwan, Prigr.Sv.Ivan. Heute heißt diese Ortschaft Prigrevica.

Meine Gedanken schweifen zurück.

September 1953: Mit meiner Heulerei habe ich alle Familienmitglieder angesteckt. Auch das Versprechen meines Vaters, mir eine Semmel bestrichen mit Estragonsenf zu kaufen wenn ich mit dem Weinen aufhöre, kann mich nicht beruhigen. Ich mag keine Semmel, bestrichen mit Estragonsenf - ich will, dass mein um acht Jahre älterer Bruder, Mischi, in Salzburg bleibt.

April 1988: Aus dem Nachlass meines Vaters. Sechs große Registrierbücher, ein Schreibheftchen mit orangefärbigem Einband, ein Vormerkkalender. Lebensgeschichte, Lebensbeichte seines Schwiegervaters, meines Großvaters. Eines donauschwäbischen Tagelöhners, geboren 1892 in Priglevica Szent Ivan (damals zur ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie gehörend), gestorben im September 1976 in Bergheim.

August 1989: Erbschaftsabhandlung. Mein Bruder übernimmt die Bücher.

November 1994: Barossa-Valley, Südaustralien. Es ist unmöglich, mit Mischi über die Zeit von Oktober 1944 bis November 1946 zu sprechen. Es sind zwei, drei gestammelte Sätze. Dann bricht er in Tränen aus.

November 2002: Melbourne. Ich erhalte die Aufschreibungen, bringe sie nach Österreich zurück.

Feber 2003: Beginn des Studiums und der Recherchen. 32. k.u.k. Infanteriedivision, Karpaten, Galizien, Monte Asolone. Verrat der Kaiserin Zita? Beschäftigung mit meinem Geburtsort (Prigr. Sv. Ivan) mit Hanfanbau, Hanfveredelung. Recherchen über den Balkankrieg 1941, über Tito, Partisanen, Vertreibung, Vernichtungslager. Flucht.

Feber 2014: Ich schwanke. Soll aus den Aufzeichnungen ein Roman werden? Nein! Ich entscheide mich für eine Dokumentation. Titel: "Michl - Die Lebensgeschichte eines donauschwäbischen Tagelöhners".

20. Feber 2019: Der letzte Satz, meinen Bruder betreffend: "Seinen Lebensabend verbringt er, schwer erkrankt, in einem Seniorenheim in Melbourne.

Am Übergang zum Buchende gilt es noch zu feilen: Ab wann bleiben Erinnerungen im Gedächtnis haften? War, was manchmal vor meinem inneren Auge ablief, von mir selbst Erlebtes? Oder kann es sein, dass manche dieser Erlebnisse in einer Art Schublade schlummerten und erst durch die Beschäftigung mit Michls Erzählungen, aus dieser entnommen werden konnten?

Dann noch Nachwort, Danksagung.

Das Telefon läutet, reißt mich aus meinen Gedanken. Es ist meine Schwester: "Hans", ihre Stimme zittert. Pause. Es ist, als wenn sie sich einen Anlauf nehmen würde - "Hans, der Mischi ist gestorben."

Satzänderung: "Seinen Lebensabend v e r b r a c h t e er, schwer erkrankt, in einem Seniorenheim in Melbourne."

© Johann März