Bergheimer Lagergeschichten: "GI-Paket"

  • 33
Bergheimer Lagergeschichten: "GI-Paket" | story.one

Die zwei Buben hatten einen kleinen Umweg gemacht, um sich ein paar Stückchen der gemeinen Waldrebe (botanischer Name Clematis vitelba) zu besorgen. Nun saßen sie an der Böschung der Salzach, pofelten und kamen sich ungemein wichtig, ja fast schon erwachsen vor.

Sie kannten sich aus den gemeinsam verbrachten Ferientagen auf dem Wirtschaftsgut des Grafen Revertera in Aigen. Der Seppi wohnte da mit seiner Mutter in einer, an das Gut angrenzenden Holzbaracke, der Hansi hingegen nicht weit weg von ihrem jetzigen Rauchplatz, im Barackenlager Bergheim. Seine Ferien durfte er regelmäßig in Aigen bei Großeltern und Schwester verbringen. Jetzt aber wohnten die Großeltern in einem nahe gelegenen Häusl in Bergheim und der Seppi war mit seiner Mutter hierher gekommen, um den Michl-Vetter und die Noni-Bas zu besuchen.

Die Buben hatten sich von den Erwachsenen getrennt, die ununterbrochen von "drhom" redeten. Von Tito, von Partisanen, von Ortschaften, die Sentiwan und Gakowa hießen. Seppis Mutter sprach wenig. Dabei hätte auch sie viel zu erzählen gewusst: von ihrer Verschleppung aus diesem Sentiwan in das ukrainische Kohlerevier, von den Demütigungen und Schikanen die sie da durchleben musste. Über die verschlungenen Wege, die sie nach Österreich, nach Aigen, zu Mann und Sohn führten.

Das Gepofel musste eingetellt werden: auf der Salzach trieben merkwürdige, rechteckige bräunliche Gegenstände, schaukelten auf den Wellen. Je näher sie den Bergheimer "Stromschnellen" kamen, umso öfter prallten die geheimisvollen Dinger gegeneinander, prallten an die Felsen, tauchten unter, kamen wieder empor zur Wasseroberfläche. Ein Blick Richtung Stadt brachte des Rätsels Lösung: Oben auf der Autobahnbrücke stand ein amerikanischer Lastkraftwagen Marke GMC. GI's (umgangssprachlich für amerikanische Soldaten) der Regenbogen-Division, tummelten sich am hinteren Ende des Fahrzeugs, schleppten Pakete von der Ladefläche zum Brückengeländer, bugsierten die Pakete auf das Geländer, warfen die Pakete in die Salzach.

Es war mühsam und gefährlich, aber - es gelang. An einer Engstelle der Stromschnellen stauten sich die Pakete. Mit einem waghalsigen Balanceakt und mit Hilfe zweier Stöcke, konnte ein Paket an Land gezogen werden. Der Paketaufdruck, schon leicht verwischt, war dennoch entzifferbar: USFA, United States Forces in Austria, der Paketinhalt unvorstellbarer Luxus: Corned beef, Schokolade, Dosenbrot, Sardinen, Kaugummi.

Wen kümmerte schon das Warum der GI-Aktion? Wen kümmerte schon, ob das Ablaufdatum bei Sardinen und Corned beef überschritten war? Wen störte schon, dass die Schokolade ein wenig ranzig schmeckte, die Rinde des Dosenbrotes wegen leichter Verfärbung entfernt werden musste? Es war einfach - Luxus pur! Und der chewing-gum ohnehin apptetitlicher aussehend, und besser kaubar, als schwarzer Straßenteer.

© Johann März 01.12.2019