Bergheimer Lagergeschichten: "oben/unten"

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Bergheimer Lagergeschichten: "oben/unten" | story.one

Im November 1952 wagten die Barackenbewohner den Weg in die Selbstverwaltung und damit auch in die Eigenverantwortung.

Mit dem Schritt in die Selbstverwaltung und dem Ankauf der Baracken waren die Insassen nun zwar Eigentümer von Wohnraum (manche von einer ganzen Baracke, andere wiederum nur von ein paar Quadratmetern) geworden, erbten aber auch gleichzeitig alle damit verbundenen Probleme und Aufgaben.

Ob Müllabfuhr, Stromeinrichtungen, Reinigung der Abortanlagen, Entleerung der Fäkalgruben, Ankauf von Materialien - zum Beispiel Lysol, Dachpappe, Teer, Karbolineum - alles war jetzt in Eigenverantwortung zu organisieren, zu beauftragen und vor allem auch zu bezahlen.

Die Baracke drei - auch als Wirtschaftsbaracke bezeichnet - war die größte aller sechzehn Baracken, gleichzeitig aber auch die am ärgsten beschädigte: Ein zum Teil undichtes Dach, angefaulte Holzbohlen unterhalb des Gemeinschaftsraumes, hervorgerufen durch den großen Andrang und damit verbundener, enormer Belastung, bei Tanzveranstaltungen.

Zum Austausch der Holzbohlen musste der Weg in die Unterwelt der Baracke angetreten, besser gesagt hinein geschlüpft oder gekrochen, werden. Aber immerhin hatten die noch aus deutscher Reichsarbeitsdienstzeit stammenden Baracken im Fundament ausgesparte Luftzirkulationsöffnungen - etwas, was bei den später errichteten amerikanischen Baracken, nicht vorhanden war. Das Hineinkriechen und der Aufenthalt im Barackenuntergrund verlangte Gelenkigkeit und immer einiges an Selbstüberwindung von Hansi und seinem Vater: gelinde gesagt, es roch modrig, es war dreckig. Die Spinnennetze waren unangenehm und manchmal tappte man, trotz Vorsicht und Taschenlampe, mit den Händen in ein übel riechendes, weiches, glitschiges Etwas. Und dazu kam noch die Angst vor Schlangen.

Noch mehr Teamarbeit war bei den Ausbesserungsarbeiten am Dach erforderlich. Teer dafür wurde in einem großen Fass angeliefert und zwar in fester Form, musste daher aus diesem buchstäblich herausgeschlagen, zerkleinert, in einen riesengroßen Blechbehälter gefüllt und anschließend über offener Flamme erhitzt werden. Rationellerweise wurde mit zwei Behältern gearbeitet: Der flüssig gewordene Teer musste über eine angelehnte, wackelige Leiter auf das Dach geschleppt werden, das Auftragen und verteilen des Teers blitzschnell vor sich gehen, um ein abermaliges Aushärten zu verhindern. Während dessen brodelte im zweiten Gefäss schon der Teer für den Nachschub.

Das Ausbessern war eine Sisyphusarbeit. Zwar keine sinnlose, aber eine oft und oft, zu oft wiederkehrende, schwere Arbeit.

© Johann März 01.12.2019