Bergheimer Lagergeschichten: "Regen..."

Zuerst ist es der Regen, der auf das Barackendach niederprasselt, den ich höre. Dann ist es das eintönige gleichmäßige tropf...trop...tropf, wenn die Wassertropfen auf dem Fußboden meines Zimmerchens aufschlagen.

Es ist spät geworden für mich, vergangene Nacht.

Bis mir buchstäblich die Augen zugefallen sind, habe ich den Nachrichten, den Meldungen aus meinem Transistorradio gelauscht: Russische Panzer haben in Budapest Stellung bezogen, sind dabei, den ungarischen Aufstand mit allen Mitteln niederzuschlagen. Imre Nagy und seine Mitstreiter geraten immer mehr in Bedrängnis.

Tropf...tropf...tropf.

Es ist sinnlos an Schlaf zu denken. Ich muß aufstehen, ein Gefäß unterstellen - eine flache Schüssel, einen hohen Topf. Wobei, - eine flache Schüssel ist besser für den Fußboden geeignet, der Topf besser geeignet für mein Bett. Den kann ich mit meinen Waden einklemmen. Oder ihn zwischen meinen Oberschenkel fixieren. Vor einigen Monaten sind die Regentropfen auf das Kopfkissen gefallen. Also habe ich das Fußende zum Kopfende gemacht und versucht, den Topf mit meinem Fuß an der Barackenwand zu stabilisieren.

Meine Sorgen waren unbegründet. Es tropfte nicht auf meine Karl- May- Bücher "Der Schatz im Silbersee" und auch "Durch die Wüste" ist trocken geblieben. Es tropfte auch nicht auf meine Briefmarkensammlungen: Ein kleines grünes Album, zum Teil mit Klebestoff umwickelt, um ein Auseinanderfallen zu verhindern. Ein Geschenk meines Bruders. "Palästina" steht auf einigen der Marken. Eine ungarische 10-Filler-Marke , mit dem Aufdruck "Fiume" (Rijeka) fasziniert mich. Zwei Stück, Werte zu 1,50 und 2,50 Mark, Deutsches Reich, mit dem Aufdruck "Plebiscite Olsztyn Allenstein"(Stadt in Ostpreußen; Abstimmung vom 11.7.1920 über den Verbleib beim Deutschen Reich, oder Abtretung an Polen ), faszinieren mich noch mehr. Ein zweites, weit größeres Album, mitgebracht von meinem Vater aus Köln. Und das enthält meine wahren Briefmarkenschätze: Den Kärtner Abstimmungssatz aus 1950, die Wiederaufbausätze, die herausgegeben wurden. Eine Unzahl von Gedächtnismarken, Abbildungen, die unterschiedlichsten Trachten Österreichs darstellend. Und auch meine Schmetterlingssammlung, aufbewahrt in einer Pappschachtel, ist vom Wasser verschont geblieben: Alpenapollo, Trauermantel, Admiral, Schwalbenschwanz, Tagpfauenauge. Sie alle gesehen und erbeutet auf der Wiese, gleich beim Klohügel. Von den Bergheimer Lagerkindern so genannt, weil unmittelbar angrenzend an das Plumpsklo.

Ich bin beruhigt. Beruhigt bis zum nächsten Regenguss.

Nachsatz: Der ungarische Aufstand endete am 11. November 1956. Imre Nagy wurde 1958 hingerichtet.

© Johann März