2015

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Wir sitzen hier und lauschen den Worten der Eröffnung. Festspiele. Prominentes Publikum. Wir klatschen, stehen auf, sind begeistert. Ja, wir alle brauchen keine Angst zu haben. Vor dem Fremden. Eigentlich. Kurz darauf ist es ein Anruf - dienstlich - der uns die Worte real werden lässt. Zumindest für uns.

„Ich muss kurz zum Bahnhof, da ist irgendetwas los. Bin spätestens in einer Stunde wieder da!“, sagst du und gehst. Aus einer Stunde werden zwei. Aus zwei Stunden wird der ganze Nachmittag und aus dem Nachmittag der Abend. „Ich weiß nicht, ob ich heute nachhause komme. Du hast keine Ahnung, was hier los ist!“

Und dann kommst du nachhause. Irgendwann in den frühen Morgenstunden. Deine Augen sind rot aufgrund der durchwachten Nacht. Du gehst wortlos duschen und schläfst einen zweistündigen, komatösen Schlaf. Danach ziehst du dich frisch an und verlässt uns. Erneut.

Die Tage vergehen. Deine Augen verraten, dass hier etwas vor sich geht, das nicht außen halt macht, sondern sich langsam aber stetig weiterbohrt, tief in das Innere hinein. Doch wie tief, lassen die ersten Tage noch nicht erahnen.

Unser Zuhause wird für dich eine heile Welt. In der kein Hunger und keine Hoffnungslosigkeit herrschen. Keine Verzweiflung oder Angst. Keine Angst vor Fremden.

Du erzählst von deinen Erlebnissen, Begegnungen und Eindrücken. Kollegen, unbekannte Leute, alle vereint durch das gemeinsame Ziel zu helfen. Jenen Fremden, die in engen Waggons in unserer Stadt stranden. Gierend nach einer warmen Mahlzeit, nach Wasser oder einer Liege, um sich ein bisschen ausruhen zu können.

Du berichtest von einem kleinen Mädchen, das vor Erschöpfung auf deinem Arm eingeschlafen ist. Von Familien, die durch die Menschenmassen und -ströme getrennt wurden. Von Müttern, die am Rande der Erschöpfung sind. Von Vätern, die mit hängenden Schultern und leerem Blick in der Halle sitzen und nichts anderes wollen als ein Heim für sich und ihre Familie. Und du erzählst von kleinen Kindern, die still sind, nichts sei von ihnen zu hören.

„Ich muss immer an uns und unsere kleine Tochter denken“, fährst du fort, „daran, welch ein Glück wir haben, ausschließlich aufgrund des Ortes unserer Geburt. Ich denke daran, wie privilegiert wir doch alle sind in unserer kleinen, sauberen Stadt.“ Mit Tränen in den Augen vor Glück und Scham gleichzeitig würdest du jeden Tag dort stehen, helfen und arbeiten. Vor Glück, einerseits weil du die Hilfsbereitschaft der Menschen nicht fassen kannst und andererseits, weil wir in unserem Paradies Österreich gesegnet sind. Vor Scham, weil dir erst durch dieses unmittelbar sehende Leid klar wird, in welcher Seifenblase wir bisher gelebt haben. Das ändert dich. Es ändert deine Sicht auf die Welt, auf Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit. Es ändert uns.

Zu wissen, was Glück bedeutet. Zu wissen, wie es ist, eine Heimat, ein Zuhause zu haben. Eine Familie, die unmittelbar nah ist. Zu wissen, dass es ein Morgen gibt. Angst vor Fremden? Warum?

© Johanna Floss