Ängste

Ich betrachte dich. Deine zwei Zöpfe stehen waagrecht unter dem Helm hervor. Deine dunklen Augen blitzen. Voller Freude. Wie Pipi Langstumpf. Du blickst mich an „Los gehts Mama!“ Du kannst es kaum erwarten - hinunter, schneller, Schanzen, durch den Hexenwald!

Du stehst auf deinen kleinen, kurzen Skiern als wärst du mit ihnen auf die Welt gekommen. Du kämpfst dich Bogen für Bogen den steilen Hang hinab. Ich fahre ängstlich anfangs vor, dann hinter dir. Zu schnell, zu wild, zu gefährlich. Meine Gedanken.

Angstvoll richte ich meinen Blick immer wieder hangaufwärts. Rowdies, Verrückte, Unfähige. Alle versammelt auf dieser Piste. Ausgerechnet! Hier fährt meine Tochter, unser Glück, passt doch alle auf! Meine Ängste.

Du bemerkst von alldem nichts. Heftest dich nun Papa an die Fersen. Endlich einer, der deine Wünsche erfüllt: Hexenweg durch den Wald - ich schließe meine Augen. Die große Schanze - ich schreie. Immer wilder, immer schneller eure Fahrt. Immer größer meine Angst.

Ich verfolge dich nun mit den Augen aus der Ferne. Lasse euch euer Vergnügen. Ich vertraue. Es wird schon gut gehen. Ich sehe eine Fünfjährige. Eine, die sicher auf den Skiern steht. Die weiß, die Geschwindigkeit zu regulieren. Eine, die vor Freude strahlt. Sie ist stolz. Stolz auf sich. Erkennt, was sie kann. Kennt keine Angst. Ich beobachte MEINE Tochter.

Dein kleiner Bruder würde am liebsten schon mit, “Si, auch!“ Auch ihm ist Angst nahezu fremd; spaziert mit seinen 22 Monaten aufrechten Ganges durchs Leben. Selbstsicher, voller Vergnügen, das Leben regelrecht aufsaugend. Wie wird es bei ihm sein? Draufgängerisch auf den Skiern? Oder so wie du, zaghaft zuerst, um Sicherheit und Unterstützung bemüht, um dann volle Segel setzen zu können?

Ich fürchte mich heute schon davor. Euch beide auf der Piste zu sehen. Und nicht nur dort. Ängste durchzustehen, Gefahren zu erkennen. Euch vor allem schützen zu wollen. Mit dem Wissen, dass dies nicht möglich ist. Es sind meine Ängste, meine angstvollen Gedanken.

Doch ich lerne von euch. Lerne, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Die kleinen Schönheiten zu bemerken. Versuche zu lachen, wenn mir oft nicht zu lachen ist; die Sorgen zu verdrängen, die uns die letzten Jahre gebracht haben. Lerne meine Ängste zu beherrschen; versuche sie zu besiegen. Denn ich erkenne, dass es an mir liegt, euch eure Angstfreiheit zu bewahren. Euch nicht meine Ängste zu übertragen. Denn es sind meine. Nicht die Euren.

Zum Glück habt ihr Papa. Angstfrei. Angstlos. Zuversichtlich. Zusammen hoffen wir, die richtige Mischung für euch zu finden: Selbstvertrauen, Wurzeln, Selbstsicherheit, ohne übermütig oder nachlässig zu sein. Freude am Leben zu haben. Die Helligkeit, die Schönheiten zu sehen. Denn es ist nicht alles dunkel auf dieser Welt.

Und immer öfter gelingt es mir, euer Leuchten gegen meine Ängstlichkeit einzutauschen. Und so verschwimmen sie zusehends. Meine Ängste. Langsam, aber stetig. Und die Angst weicht der Zuversicht.

© Johanna Floss