Alles wird gut

Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Dieses Gefühl der Ohnmacht und die Erkenntnis, wie klein und verletzlich man plötzlich sein kann. Denn du zartes Wesen sitzt da auf dem kleinen Rollhocker, darauf wartend, dass ein Röntgen gemacht wird.

„Was ist das, ein Röntgen?“, hattest du mich mit sorgenvollem Blick gefragt. Ich hatte schlucken müssen. „Ein Foto vom Knochen. Damit die Ärzte sehen, ob dein Arm gebrochen ist oder nicht.“ Mit dieser Erklärung war es für dich erledigt. Doch dass ich, deine Mama, nicht direkt neben dir stehen konnte, als dieses eigenartig anmutende Gerät näher an deinen Unterarm herangezogen wurde, verunsicherte dich dann doch.

Mit festem Blick durch die offene Türe sehen wir uns an. Du ermutigt durch mein Lächeln auf den Lippen, und ich durch deine sanften Augen, die mich vertrauensselig betrachten. Alles wird gut.

Zum Lächeln ist mir nicht. Und trotzdem. Dir hilft es. Ich lächle, jedoch würde ich am liebsten den herunter geschluckten Tränen freien Lauf lassen. Es ist so lächerlich. Vielleicht eine Verstauchung, maximal ein Bruch war zu erwarten, doch es kommt da wieder dieses beklemmende Gefühl auf. Zu oft hatte ich hier mit dir schon wartende Minuten verbracht. Die Bilder kommen in mir hoch. Du als kleiner, drei Monate alter Säugling am Röntgenbett liegend - Lungenentzüngung. Du als knapp zweijährige mit dem Ringfinger beim Röntgen.

Hilflos steht man als Mama da, innerlich verkrampfend, hoffend und verletzbar. Sind die Kinder nicht der größte Schatz? Das Wichtigste, das es zu beschützen gilt? Ich möchte meinem Kind die Schmerzen nehmen, kann aber nicht. Unvermögen und Winzigkeit. Das kommt mir in den Sinn. Ich möchte mein Kind beschützen, vor allen Widrigkeiten. Es soll nur die schönen Seiten des Lebens kennenlernen, niemals Krankheit und Schmerzen erleiden. Wunschträume, mehr ist es nicht.

Was bleibt einem zu tun, wenn man erkennen muss, dass die Erfahrungen, die man selbst im Leben machen musste, auch den eigenen Kindern nicht erspart bleiben werden? Möglicherweise und hoffentlich nicht die gleichen, aber doch in ähnlicher Form. Weil das Leben eben so ist, wie es ist. Schön und grausam zu gleich.

„Zum Glück kein Durchbruch.“, mit diesen Worten werde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Aber eine Schiene für zwei Wochen.“ Ich blicke zu dir, meinem Schatz, der mich ängstlich ansieht. Und was mache ich? Das, was ich schon so oft in den Jahren getan habe, wenn etwas - in der Kinderwelt - dramatisches passiert; wenn das Kuscheleinhorn nicht auffindbar ist, eine Gelse einen juckenden Stich hinterlassen oder ein Ast einen Kratzer verursacht hat. Aber auch, wenn ein Virus die Grippe brachte oder die Zähne aufgrund eines Radsturzes locker wurden: Ich lächle und sage: „Alles wird gut“. Ich sage es auch für mich. Alles wird gut. Ein Mantra, eins fürs ganze Leben.

© Johanna Floss