Auf und davon

Georg haderte. Er haderte so sehr. Warum er? Ausgerechnet er? Freundlich und hilfsbereit zu den Menschen, friedfertig und gesellig. So war Georg gewesen. Georg war auch immer selbständig und frei gewesen. Er hatte gearbeitet und war dann mit den Kollegen noch auf ein Bier oder zwei. Heimgekommen, wann er wollte und gegangen, wann er es für richtig hielt. Frei wie ein Vogel.

Sie hatte ihn gewähren lassen. Schupfte das Leben mit dem einzigen Kind, dem Sohn. Ein Ebenbild seines Vaters, nur weniger rastlos. Stets war sie da, zuhause. Immer stand frisch gekochtes Essen am Tisch. Eine gewisse Gleichgültigkeit herrschte, ob Georg nun da war oder nicht. Die Gleichgültigkkeit war jedoch nicht einer Art Missachtung ihm gegenüber geschuldet, sondern resultierte aus dem Wissen, dass Georg immer wieder nachhause kommen würde. Nachhause, zu ihr und ihrem Sohn.

Und nun? Nun ist er eingesperrt. Eingesperrt wie ein Vogel im Käfig, die Flügel gestutzt. Unfähig, selbständig zu fliegen. Unfähig, rational zu entscheiden, ob er nun einfach die Wohnung verlassen kann oder nicht. Begierig auf der Suche nach dem Autoschlüssel, seinem Symbol für Freiheit. Ins Auto einsteigen und auf und davon. Raus aus den eigenen vier Wänden. Georg sucht seinen Schlüssel für die Freiheit regelrecht besessen. Missachtend, dass sein geliebtes Auto nicht mehr in seiner Garage steht. Aus Vorsicht.

Seine beiden stetigen Begleiter, zwei Glioblastome, bösartige und unheilbare Gehirntumore, fesseln seinen Freiheitsdrang. Verunmöglichen ihm seine Autofahrten. Verunmöglichen ihm ein normales Leben. Zeigen Georg seine nahen Grenzen auf. Sein Körper schwächelt. Sie verhindern, dass ihm Dinge in Erinnerung bleiben. Verhindern, dass er seinen gewohnten Tätigkeiten nachgehen kann. Sie sind Sadisten, die ihn durch ihren raschen Wachstum wie ein eingesperrtes Tier fühlen lassen. Er will aber auf und davon.

Und gestern war es soweit. Im Zorn bricht Georg aus seinem Gefängnis aus. Fühlte sich kontrolliert, beobachtet und weggesperrt. Ist hinaus und ließ seine Frau und uns zurück. Ratlos und verängstigt. Wo war er hin? Wie weit würde ihn sein schwacher Körper tragen? Wir laufen, fahren, radeln quer herum. Hetzen durch die Gegend. Zu Fuß, im Auto, am Rad. Georg, wo bist du?

Nach einer Stunde der größten Sorge findet sie dich. Getraut sich aber nicht, sich zu erkennen zu geben, denn zu groß ist die Angst, die Glioblastome würden wieder deinen Zorn ihr gegenüber entfachen. Dein Sohn schleicht sich an, die Enkelin dabei, um dem Zorn zu entgehen. Du sitzt da, auf den Stock gestützt und blickst hinaus auf den reißenden Fluß. Lächelst verzweifelt. Was geht dir durch den Kopf? Du wolltest für einen Moment alleine sein, sagst du. Ruhe haben. Ruhe von der Realität, von der Frau, der Familie. Einfach nur sitzen. Dem Rascheln des Laubes lauschen. Den fallenden Blättern mit dem Blick folgen. Wo auch immer der Wind sie hinträgt. Einfach auf und davon, um frei zu sein. Frei wie ein Vogel.

© Johanna Floss