Buch-Euphorie

„Mami, was machst Du?“ Du reißt mich mit deinem Zuckerstimmchen aus meinem Flow. „Ich schreibe“, knurre ich. Neugierig kommst du näher. „Und was schreibst du?“, bohrst du weiter. „Eine Geschichte“, murmel ich. „Und was für eine Geschichte?“ Grrrr. Ich blicke auf, langsam gleitet mein Stift aus der Hand. „Ohne Ruhe gibt`s gar keine Geschichte. Ohne Geschichte kein Buch. Ohne Schreiben keine fröhliche Mama.“ Zwei paar Augen sind auf mich gerichtet. Dein kleiner Bruder hat sich dazu getrollt. Ich schaue euch an. „Ich will doch einfach nur schreiben!“ Du hüpfst - meinen Blick schon kennend - davon. Dein Schatten folgt dir, wie sollte es anders sein.

Ich sammle mich, meine Gedanken, meine Ideen und setze wieder zum Schreiben an. „Mami, ich nicht will!“, unterbricht dein kleiner Bruder diesmal. „Mäuschen!“, rufe ich zurück. Hoffend, so meine Ruhe erhalten und euren Streit im Keim ersticken zu können, wohlwissend, dass diese Hoffnung lediglich eine Illusion ist. Mit dem Schreiben wird`s nix mehr.

Kurze Zeit später hockst du unter der Stiege im Halbdunkel eurer Kuschelecke. Stifte liegen um dich herum, Papiergeschnipsel. „Mäuschen, was machst du?“, frage ich neugierig. „Ich schreibe“, knurrst du. Ich komme näher. „Und was schreibst du?“, bohre ich weiter. „Eine Geschichte“, murmelst du. Bevor ich zur nächsten Frage ansetze, stocke ich. Vertauschte Rollen, denke ich. Wortlos schleiche ich deshalb näher und spähe über deine Schulter. „Menschn“ lese ich. „Das Buch handelt üba Kragheitn und üba mich.“ Ich schmunzle. Du bist Autodidakt, hast dir lesen und schreiben selbst beigebracht. Lediglich die Buchstaben gehen aufgrund deines Lieblingsspieles im letzten Jahr „Schule“ auf mein Konto. Die wirkliche Schule startet erst in zwei Wochen. Und nun schreibst du ein Buch „üba“ dich. Ich schleiche auf Zehenspitzen davon. Wer schreiben will, braucht Ruhe.

Am Abend präsentierst du stolz dein Buch: „Ich bin ein gans numales Metchen“ lese ich. Welch eine Feststellung. Es folgt ein Gesundheitstipp: „Was ist wen man gans numal Somagribe hat, dan ist man krang.“ Herrlich! Du bist 6 Jahre alt und hast ein Buch geschrieben! Ich bin 38 Jahre alt und habe noch immer keines. Konkurrenzdenken. Ich will auch!

Am nächsten Tag drückst du mir ein weiteres Buch in die Hand. „Das hab` ich für Papi geschrieben.“ Ich lese: „Das Buch fegt an. Es wa einmal ein schöna Tag. Und der Papa musste Rasen men. Die Geschichte handelt fon einem Rasenmeapapa. Das kannst du mi klaupen.“ Ich stehe da sprachlos. Buch-Euphorie. Ansteckend.

Zwei Wochen später spielen wir im Hof, als ein gelber Lieferwagen in unsere Straße einbiegt. „Da Mami, Auto!“, ruft der Zweijährige. Ich lächle, ahnend, mit Schmetterlingen im Bauch. „Der kommt zu uns!“, rufst du und knetest nervös die kleine Hand deines Bruders. „Ja!“, rufe ich laut, die Stimme wie ein kleines Kind überschlagend, und hüpfe dem Zusteller fröhlich entgegen. Endlich mein Buch! Buch-Euphorie. Erfolgreich angesteckt.

© Johanna Floss