Christkind

Heller konnte ein Raum wohl nicht leuchten. Wie tausend Diamanten und alle Strahlen der Sonne zusammen. Ich war geblendet von all diesem Licht. Schnell drehte ich meinen Kopf auf die Seite und rieb mir die Augen. Konnte das wahr sein, was ich sah? Ratlos stand ich vor der Stubentür und konnte nicht glauben, was ich gesehen hatte. Es war der 24. Dezember vor langer, langer Zeit und ich, ausgerechnet ich, hatte das Christkind gesehen! Aber wem konnte ich davon nur erzählen? Ich hätte eigentlich gar nicht vor der Türe stehen dürfen. Hätte oben bei meinen Geschwistern, Cousinen und Cousins sein sollen. Hätte Omas Geschichte lauschen und warten sollen. Doch ich war neugierig gewesen. Hatte mich die Treppen leise hinunter geschlichen. Hatte durchs Schlüsselloch gespäht und das Christkind gesehen! Das konnte ich doch niemanden erzählen!

Jedesmal an Weihnachten dachte ich daran. An diesen einzigartigen Moment. Doch erst jetzt, Jahrzehnte später habe ich jemanden gefunden, dem ich diese Geschichte erzählen konnte: Mit ihren großen, braunen Augen betrachtete mich meine Tochter und lauschte gespannt meinen Worten: „Weißt du, vor langer Zeit habe ich das Christkind gesehen.“ „Wie sieht es denn aus, Mami?“, fragte sie voller Ungeduld. „Es war heller als alles andere, das ich jemals auf der ganzen Welt gesehen habe. Es glitzerte der ganze Raum.“ „Hat es wirklich blonde Haare, ein Glitzerkleid und Flügel?“, bohrte sie weiter. Die Neugierde liegt wohl in den Genen, dachte ich innerlich lächelnd bei mir. „Ich kann es dir nicht sagen“, antwortete ich wahrheitsgetreu. „Ich sah nur helles Licht, von dem eine wunderbare Wärme ausging.“ „Aber wie weißt du dann, dass es das Christkind war?“. „Das ist eine gute Frage.“, erwiderte ich. „Ich weiß es natürlich nicht. Aber es war nun mal der 24. Dezember. Was hätte es denn sonst sein sollen?“, fragte ich zurück. Das war meiner Tochter Antwort genug.

Sie hüpfte von meinem Schoß, drückte mir einen Kuss auf die Wange und rannte zu ihrem kleinen Bruder. Der hatte von Weihnachten, der Weihnachtszeit und all der Magie, die damit verbunden ist, noch keine Ahnung, lauschte aber mit brennend roten Wangen und offenem Mündchen ihren Worten: „Stell dir vor! Unsere Mami hat das Christkind gesehen!“. Ihre Kinderaugen leuchteten und strahlten voller Glück. Ihre eigene Mami hatte doch tatsächlich das Christkind gesehen!

Sollte ich ein schlechtes Gewissen haben? Hatte ich sie angelogen? Mir kreisten die Gedanken im Kopf. Aber Nein, beruhigte ich mich selbst. Denn wenn man an etwas glaubt. Wenn man in sein Herz hinein hört. Wenn einem das Herz etwas anderes sagt als der Verstand. Wenn es eine Zeit ist, die nur aufgrund von Magie, Liebe und Licht die schönste Zeit im Jahr ist. Dann sollte man sich und all seinen Lieben dieses Besondere im Herzen doch bewahren. Ob jung oder alt. Wir alle brauchen Magie. Wir alle brauchen diese bedingungslose Liebe. Und wir alle brauchen das Leuchten der Kinderaugen in dieser dunklen Welt.

© Johanna Floss