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Das Abendritual

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Das Abendritual | story.one

„Mami, bitte jetzt den Zauberspruch“, flüsterst du. Ich liege zwischen euch im Bett, in der Dunkelheit. „Was ist los?“, frage ich dich. „Ich habe Angst vor dem Dunkel. Du weißt schon.“ Ja, ich weiß. In der Dunkelheit lauern sie, die Monster, Zwerge und unweltlichen Wesen, lediglich darauf wartend, unter dem Bett hervorzukriechen und gnadenlos zuzupacken. Es ist eine Angst, die durch Mark und Bein geht, eine Angst, die ich niemals vergessen habe. Also ja, ich weiß, wie sie sich anfühlt. Noch immer.

Ohne weiter nachzufragen wispere ich deshalb: „Ene Mene Monster Maus, alle Monster gehen raus! Ene Mene Meufel, hinaus geht auch der Teufel!“ Mit BUMM ZACK BOING BSCH WUPP und wildem Herumgestikulieren durch dich und deinen dreijährigen Bruder werden die unerwünschten Gestalten aus eurem Schlafzimmer gejagt. Ich flüstere weiter: „Ene Mene Berge, hinausgeh`n auch alle Zwerge!“ „Das dauert jetzt etwas“, meinst du entschuldigend. „Die sitzen so bequem am Boden und es sind ja immer so viele!“, erläuterst du, während vier kleine Ärmchen wild durch die Dunkelheit wacheln, boingen und wuppen.

Nachdem jeder verscheucht ist, der nur der Angst und nicht den Träumen förderlich ist, wenden wir drei uns dem Reinigungsritual zu, schließlich sollen die von den angsteinflößenden Gestalten hinterlassenen Schleim- und Rauchspuren genauso verschwinden: „Rein, rein, rein, so soll es sein; rein, rein, rein, so wird es jetzt sein!“ Eure Muskeln entspannen und ihr atmet erleichtert aus.

Dann erst, nachdem alles gereinigt ist, kann das Träumeritual folgen. Traumfänger, Lavendelsprays und Gute Nacht Geschichten waren bislang erfolglos, lediglich sinnfreie Zaubersprüche haben bislang geholfen, sodass uns „1, 2, 3, die guten Träume kommen herbei, die schlechten Träume schicken wir fort, an einen weit entfernten Ort!“ den Träumen einen Schritt näher bringt. Auch nach diesem Spruch wird gefuchtelt und gesummt, doch Träumen entsprechend weder wild noch wie einem Feuerwerk gleich: SALABIM WUSCH SALABIM WUSCH streichen vier kleine Arme sanft durch die Luft.

Diese Zaubersprüche helfen, sodass ich bereits kurz vor dem Ende des Rituals stets entspannt im Dämmermodus angekommen bin. Ihr jedoch: „Mami, unbedingt noch den Geheimspruch!“, rüttelst du an mir, bevor vom Bäumelein endgültig die Träumelein geschüttelt werden. Ich wispere und flüstere unverständlich vor mich hin, geheim ist schließlich geheim.

Nun ist der Boden gesät, um angstfrei und gestärkt ins Traumland einzureisen. Eure kleinen Popos positioniert ihr noch bequem und kurz darauf wird geschmatzt, geschnarcht und geseufzt. Euer Atem fließt ruhig und gleichmäßig, eure Gesichter gleichen jenen kleiner Engerln.

Manchmal belächel ich mich, meine Sprüche und unser gesamtes, durchaus zeitintensives Abendritual. Doch es sind die Träume, die euch in eurem Leben begleiten, motivieren und stärken sollen, und keinesfalls die Angst, denn die war noch nie ein guter Ratgeber.

© Johanna Floss 30.06.2020

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