Das Begräbnis

Sie hieß Mia, war 5 Jahre alt und eine absolute Tierfreundin. Alles, was lebte, kreuchte und fleuchte wurde von ihr eingefangen. Großgezogen und abgöttisch geliebt. Eine feste Umarmung hier, Streicheleinheiten da. Oft zu Tode geliebt.

Mias absoluter Liebling war ein Goldfisch. Runde für Runde schwamm er im Aquarium bei ihren Großeltern. Beäugt von und mit Mias großen, blauen Augen. Sie kannte den Goldfisch seit jeher. War mit ihm groß geworden, hatte ihm von ihren Abenteuern erzählt. Er war ihr treuester Freund. Einer, dem man jedes Geheimnis anvertrauen konnte. Mit dem Wissen, er würde sie nicht verraten.

Eines regenreichen Tages jedoch schwamm Goldi mit dem Bauch nach oben im Wasser. „Will sich der die Welt von unten anschauen?“ fragte sich Mia. Sie ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Skeptisch geworden lief sie zu Oma. „Oma, der Goldi hört nicht zum Rücken schwimmen auf. Was findet denn der an den Algen und Steinen so toll?“ Hellhörig geworden, folgte Oma ihrer Enkelin.

„Mia, der ist tot. Er ist jetzt im Himmel, beim lieben Gott.“ Ungläubig blickte Mia von Goldi zu Oma und wieder zurück. „Aber er schwimmt ja da im Wasser! Im Himmel seh ich ihn nicht!“, sagte Mia und lief zum Fenster, den Blick in den grauen Himmel gerichtet.

Es folgten Erklärungen von Leben, Tod und Begräbniskultur, sodass danach feststand: „Der Goldi gehört auf den Friedhof!“ Dass der Friedhof bereits überfüllt war von Kreuzen und Grabsteinen, konnte Mia nicht leugnen. „Dann halt nicht auf den Friedhof. Gut, dass euer Garten so groß ist, da finden wir schon ein Platzerl“, sprach`s, schlüpfte in ihre Gummistiefel und Regenjacke und lief nach draußen. Beseelt von dem Vorhaben, eine letzte Ruhestätte für ihren Freund zu finden.

Nachdem ein Platz gefunden, ein Loch gegraben war - tief genug damit Goldis sterbliche Überreste nicht von einer Katze verspeist werden konnten - wurde die Trauergemeinde zusammen getrommelt: Mia, Oma, Opa, Hund Aika sowie Stoffteddy Wurschtl und Plüschrobbe Belinda. Alle ausgestattet mit Gummistiefel und Regenschirm - der Himmel hatte dem Anlass entsprechend seine Schleusen geöffnet.

So standen sie da. Im Garten von Oma und Opa vor dem Grab. Mia mit traurigem Gesicht. Oma und Opa hoffend, dass keiner der Nachbarn die Zeremonie durchs Fenster beobachten würden. Als Trauerredner fungierte Opa, der den Vorgaben der Enkelin entsprechend letzte nette Worte an den Freund richtete.

Nun lag er drinnen, der Fisch. Unter der Erde begraben. Die Großeltern drehten sich bereits nass vom Regen zum Gehen bereit um, als Mia Oma am Ärmel zupfte: „Du, Oma, singen müssen wir schon noch was für Goldi!“ Oma stockte. Opa konnte sich das Lachen kaum noch verkneifen. „Gut, dann singen wir noch. Fang ruhig an, Mia.“ Mia grübelte - welches Lied konnte wohl zu Goldi am Besten passen? Glücklich und zufrieden über ihre Wahl begann Mia voller Inbrunst zu singen. Und die Großeltern? Die stimmten mit zitternder Stimme ein: „In de Berg bin i gern“.

© Johanna Floss